Lehren aus der Schweinegrippe: "PANDEMIE als Geschäftsmodell?"

05.07.2010: Die für den Grippe-Impfstoffdeal verantwortlichen Geschäftspartner aus Bundesgesundheitsministerium (BMG) und Pharmaindustrie hatten heute im Paul-Löbe-Haus des Bundestages einen schweren Stand. Die Fraktion der Grünen/B90 hatte Verantwortliche und Kritiker der missglückten Impfkampagne in Deutschland eingeladen, um "Lehren aus der Schweinegrippe" zu ziehen. Mit dankenswerter Offenheit warfen die hochrangigen Diskussionsteilnehmer -nicht immer absichtlich- ein wenig mehr Licht ins Dunkel dieses "Staatsgeheimnisses".

In einem ausführlichen Eingangsreferat beschwor Professor Kekulé von der Universität Halle die weiterhin nicht absehbare Gefahr gefährlicher Killer-Viren und erinnerte die Anwesenden an die Schrecken der Spanischen Grippe und an die toten Schwäne auf Rügen, die damals der Anlass für ernste Sorgen in der Fachwelt und in der Politik gewesen seien. Als "Fachmann für Seuchenbekämpfung und biologische Sicherheit" ist Prof. Kekulé Mitglied der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern der BRD und verdiente schon zu Zeiten der "Vogelgrippe"-Hysterie mit Pandemieplänen für große Konzerne, Banken und Versicherungen sein Geld. Kekulé und sein Institut in Halle leben offenbar gut von der Seuchen-Angst. Der Professor wirkt eher wie ein redegewandter Journalist, ein Gesundheits-Marketing-Talent und weniger wie ein um Wahrheit ringender Wissenschaftler, der für seine bitteren Erkenntnisse gerade steht.

Er habe schon sehr früh gesehen, dass eine Pandemie-Impfaktion angesichts der unterdurchschnittlichen Gefährlichkeit der A H1N1-Erreger und einer relativ guten immunologischen Basis gegen diese Variante in der Bevölkerung medizinisch kaum zu begründen sei. Doch sagte der Wissenschaftler gestern wörtlich, die Impfung als Pandemie-Abwehr sei aber "aus psychologischen Gründen erforderlich und politisch alternativlos" gewesen.

In der STELLUNGNAHME DER SCHUTZKOMMISSION ZUM AKTUELLEN AUSBRUCH DER „SCHWEINEGRIPPE“ lautete die vorwiegend von ihm verfasste Passage vom 22. Mai 2009 so:

"Um den Impfstoff gegen das neue Virus H1N1 so schnell wie möglich zur Verfügung zu haben, ist eine sofortige Bestellung erforderlich. Da sich bereits zahlreiche Staaten für diesen Weg entschieden haben, können entsprechende Bestellungen von den Herstellern nur noch kurze Zeit angenommen werden.

Im Falle eines an Gefährlichkeit gesteigerten Virus, wie es die WHO befürchtet, wäre die Impfung zum Schutz der Bevölkerung unmittelbar notwendig.

Nach Auffassung der Schutzkommission ist die umgehende Bestellung jedoch auch dann erforderlich, wenn das neue Virus nur vergleichsweise wenige schwere Erkrankungen verursacht. Bei einer sehr großen Anzahl von Erkrankten ist auch mit Todesfällen durch das neue Virus zu rechnen. Dies könnte überproportionale Angstreaktionen der Bevölkerung zur Folge haben, wenn spezielle Gruppen, insbesondere Kinder betroffen wären.

Auch die wirtschaftlichen Folgen, u.a. verursacht durch Schließung von Schulen und Kindertagesstätten, Fernbleiben von der Arbeitsstelle, Überlastung des Gesundheitssystems u.v.a.m. rechtfertigen nach Auffassung der Schutzkommission die Beschaffung des Impfstoffes zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Schließlich würde es das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in den Staat erheblich beeinträchtigen, wenn die jetzt noch mögliche Beschaffung nicht erfolgte und damit Todesopfer in Kauf genommen würden."

Das wurde von ihm so der Bundesregierung schon drei Wochen vor Ausrufung der "Pandemie" empfohlen.

Im dem Publikum stand später die Unabhängigkeit von Regierungsberatern zur Diskussion. Der gefragte Fachmann Kekulé war nicht mehr anwesend, als der für die Impfstoff-Beschaffung verantwortliche Ministerialdirigent aus dem Bundesgesundheitsministeriums (BMG) Arnold Schreiber freimütig zum Besten gab: "Unabhängige Experten werden Sie nicht finden, es sei denn es ist eine wissenschaftliche Flasche, die keiner haben will."

Damit war allerdings nicht nur der Chef des unabhängigen "arznei-telegramm" Dr. Becker-Brüser nicht einverstanden. Der Vertreter des BMG versuchte daraufhin -ohne grosse Überzeugungskraft- seine fragwürdige Äusserung zu relativieren. Angesichts solcher Sprüche lohnt es sich wohl, immer besonders genau hinzuschauen, wenn jemand von einem Ministerium in ein Beratungsgremium berufen wird.

Über den Druck aus dem Bundesministerium auf die zuständigen Beauftragten der Länder berichtete der Abteilungsleiter Gesundheit bei der Bremer Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales Dr. Matthias Gruhl: "Wir haben mit dem BMG gerungen, um nicht noch mehr Impfdosen abzunehmen zu müssen. Die haben bis zu 80% Vollversorgung empfohlen und andere Ministerien waren noch schlimmer, der Druck kam sogar aus dem Kanzleramt."

Dr. Gruhl erläuterte, dass anfangs die Länder wegen der Angst vor einer auf den Menschen überspringenden, tödlichen Vogelgrippe ihre Pandemie-Pläne geschmiedet hätten. "Sicher und schnell für möglichst Viele Impfstoff bereitzustellen, sei die damalige Philosophie gewesen. Das was dann 2009 mit der relativ harmlosen Schweinegrippe passierte, sei nicht die Gefahr gewesen, die man vor Augen gehabt hatte: "Wir hatten Angst vor einer sich schnell ausbreitenden Seuche mit einer Mortalität wie die Vogelgrippe." meint Gruhl erläuternd.

Durch die Verhandlungen mit Bund und Impfstoffherstellern seien die Länder in die geheimen Verträge gedrängt worden. "Und dann hat uns die WHO unter Druck gesetzt und mit Ausrufung der Stufe 6 kalt erwischt," meinte er und war froh, dass die Länder dem Druck aus Teilen der Bundesregierung nicht gefolgt waren, die sogar für bis zu einer Milliarde Euro Pandemie-Impfstoff ordern lassen wollten. Zu dem Zeitpunkt habe man längst die Informationen gehabt, dass die Schweinegrippe doch nicht so schlimm war: "Im August 2009 wussten wir, es reicht eine Impfung."

Die Hersteller antiviraler Medikamente seien noch brutaler vorgegangen und hätten den Ministerien die Pistole auf die Brust gesetzt: "Wenn sie nicht innerhalb der nächsten vier Stunden bestellen, kriegen sie nichts mehr", hätte es geheißen. Die Länder hätten jedoch trotz des Druckes aus Bundesministerien und Bundeskanzleramt nur für 12,5% und nicht wie jene forderten für 25 % der Bevölkerung Grippetabletten eingelagert.

In der folgenden Diskussion über die Risiken der Pandemie-Impfstoffe erinnerte Professor Dr. Ludwig von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft daran, dass seine Kommission vor den Risiken und Nebenwirkungen der wenig erprobten Wirkungsverstärker (Adjuvantien) rechtzeitig gewarnt habe. Im Falle einer schweren Pandemie seien solche Adjuvantien zum Impfstoff nur zu rechtfertigen, wenn genaue "postmarketing"-Beobachtungen durchgeführt würden. Das sei bisher keineswegs hinreichend geschehen.

Prof. Ludwig meinte dann, dass es ja wohl gut gegegangen zu sein scheint, dass aber weiterhin die Datenbasis für eine wissenschaftliche Beurteilung fehle. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) habe jetzt zwar eine Studie aufgelegt, die umfasse aber leider viel zu geringen Fallzahlen.

Es wurde in diesem Zusammenhang von mehreren Anwesenden grundsätzlich problematisiert, dass eine verantwortliche Behörde die Kontrolle der Auswirkung seiner Entscheidungen selbst durchführe.

Die Vertreterin von Glaxo-Smith-Kline (GSK), Bettina Brenneke, meinte, die Industrie sei anfangs von der Erfordernis einer weltweiten Massenimpfung ausgegangen und habe sehr viel Geld investiert, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden: Weltweit 6 Mrd Impfstoff-Dosen und für eine zweimalige Impfung 12 Mrd, da habe man natürlich ein großes wirtschaftliches Risiko gesehen und die Staaten vertraglich mit hineinnehmen wollen. "Bei einer Versicherung klopfen Sie ja auch nicht erst an, wenn der Schaden eingetreten ist", versuchte sie zu erläutern. Impfstoffe könne man nicht "auf Knopfdruck" herstellen, das brauche einige Monate. In Sachsen habe GSK ca. 200 Mio € für die Pandemie-Impfstoff Entwicklung investiert und schließlich habe man nur 34 Mio. Dosen statt 82 Mio. Dosen Impfstoff in Deutschland bezahlt bekommen. Man hätte viel höhere Preise nehmen können, aber man habe auch sehr auf eine ethisch einwandfreie Vertragsgestaltung und auf Preisstaffelungen achten wollen, um nicht die Entwicklungsländer beim Zugang zu Pandemie-Impfstoffen zu benachteiligen.

Zum Schluss der Veranstaltung wies Dr. Wolfgang Wodarg als Gast der Runde darauf hin, dass eine Impfung in Deutschland immer noch ein jeweils individueller Eingriff sei, der einer individuellen Indikation und eines vorangehenden klärenden ärztlichen Gespräches bedürfe. Massenimpfungen mit für viele Einzelne naturgemäß höheren Risiken seien in Deutschland höchstens im Falle eines Großschadensfalles vorstellbar, der unser Gesundheitssystem überfordere, mit hoher Mortalität einhergehe und der anders nicht beherrschbar sei. Es gäbe keine wissenschaftlich belegbaren Hinweise dafür, dass so eine wirklich gefährliche Pandemie gerade durch Influenza-Viren, an deren Bausteine -in welcher Kombination auch immer- sich die Menschheit zunehmend gewöhnt hat, zu erwarten ist. Hier sei Panik geschürt und ausgenutzt worden von Firmen und Wissenschaftlern, die davon finanziell profitieren wollten. Zum Glück sei weder durch die Schweinegrippe noch durch den von der Mehrheit der Bevölkerung mit Recht abgelehnten "Pandemie-Impfstoff" ein großer gesundheitlicher Schaden entstanden. Trotzdem seien Einzelschicksale -als Opfer der Influenza und als Opfer von Nebenwirkungen der Impfstoffe- zu beklagen. "Unstrittig bleiben zwei große Schäden für unser Gesundheitswesen: der finanzielle Schaden von etwa eine Milliarde Euro und der Vertrauensverlust in die verantwortlichen Bundesbehörden," hob Dr.Wodarg hervor.

Man war sich weitgehend einig unter den Diskutanten: Die WHO und ihre nationalen Kooperateure haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt und es wäre besser, ihnen in Zukunft nicht die Entscheidung für Impfkampagnen zu überlassen.

Eine globale Seuchen-Beobachtung müsse eine Weltgesundheitsbehörde wohl liefern. Sie solle aber keinen entscheidenden Einfluss auf die Einschätzung der jeweils regionalen/nationalen Risikolage nehmen dürfen. Der Seuchenalarm (Großschadensfall) hänge schließlich auch von der Leistungsfähigkeit des gesundheitlichen Versorgungssystems ab, fanden die meisten Teilnehmer dieser aufschlussreichen und ermutigenden Veranstaltung. Bei wichtigen Entscheidungen zur öffentlichen Gesundheit muss es in Zukunft einen wirksameren Schutz vor der Einflussnahme wirtschaftlicher Interessen Dritter geben.

Es ist traurig, dass angesichts des hohen finanziellen Schadens und einer nicht hinnehmbaren Intransparenz in zuständigen Bundesbehörden und -ministerien der Deutsche Bundestag bisher nur so wenig Interesse zeigt, das verlorene Vertrauen in unsere Seuchenwächter zum Anlass für genauere Nachforschungen und Reformen zu nehmen. Viele Nachbarländer und gleichermassen getäuschte Staaten in aller Welt üben mit der Korruption in Regierungen und in wichtigen Gesundheitsbehörden weniger Nachsicht als Deutschland.

Wenn in Deutschland im Gesundheitswesen gespart werden muss, dann ist die Korruptionsbekämpfung im Gesundheitswesen ein lohnender Ansatz.

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