Interview Lübecker Nachrichten zum Thema "Ist Politik ein Stress-Job?"

30.01.2010: Erschienen heute in der gedruckten Ausgabe der LN:

Lübecker Nachrichten: Herr Dr. Wodarg, Sie sind Arzt und saßen 15 Jahre im Bundestag. Ist Politik ein Stress-Job?

Wolfgang Wodarg: Ja, ich glaube, es ist eine der anstrengendsten Tätigkeiten, die es gibt. Politiker sind extremen Stressbelastungen ausgesetzt. In der Politik geht es um Macht und finanzielle Interessen. Da wird hart gekämpft, häufig auch unter der Gürtellinie. Wer in der Sache nichts vorzubringen weiß, der greift die Person an. Ein alter Trick. Wer lange in der Politik ist, kennt ihn. Wer neu ist und etwas bewegen will, der kann schreckliche Dinge erleben.

LN: Die psychische Belastung ist größer als die physische?

Wodarg: Wer Spaß bei der Arbeit hat, kann rund um die Uhr arbeiten und dabei 100 Jahre alt werden. Das schadet überhaupt nicht. Aber Ohnmacht, Mobbing, und persönliche Angriffe - das geht gesundheitlich ans Eingemachte. Da muss man eine stabile psychische Statur haben, um das auszuhalten.

LN: Aus eigener Erfahrung: Wie viel Tage hat die Woche, wie viel Stunden der Tag?

Wodarg: Ein Bundestagsabgeordneter muss immer präsent sein, er hat keine freien Wochenenden. Auszeiten müssen gut vorbereitet werden. Und sie sind ein Risiko, wenn es hart auf hart geht. Denn es gibt Andere, die sich über Abwesenheit freuen und das ausnutzen. Dazu ist man als Abgeordneter zerrissen zwischen Wahlkreis und Bundestag. Im Wahlkreis muss man sich zeigen, um gewählt zu werden. Im Bundestag, aber auch in internationalen und fachlichen Gremien sollte man sich als Parlamentarier stark und nachhaltig engagieren, um etwas in der Politik zu bewegen.

LN: In den Augen der Öffentlichkeit führen Politiker ein süßes Leben. Das stimmt also nicht?

Wodarg: Ich habe auch als Arzt und auch auf kommunaler Ebene lange Jahre meine Erfahrungen gemacht. Da hat man auch Ärger, das ist auch sehr anstrengend. Aber Politik ist die Steigerung, gerade auf der Ebene, auf der Entscheidungen fallen.

LN: Wie geht man damit um?

Wodarg: Es gibt völlig unterschiedliche Politiker. Die einen schwimmen mit im Strom, integrieren sich in ihre Partei, lassen die Führungsspitze machen. Das ist schonender, als wenn man seinem Gewissen folgt und Konflikten nicht aus dem Wege geht. Dann wird es stressig.

LN: Hat die Belastung zugenommen?

Wodarg: Ja, der Wind ist eisiger geworden. Der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik ist gewachsen, der Lobbyismus stärker geworden. Gleichzeitig schrumpfen die Parteien und der Rückhalt für politische Arbeit in der Bevölkerung sinkt. Manchmal guckt sich der Volksvertreter vergeblich nach jenen um, deren Interessen er mit großem Einsatz vertreten möchte.

LN: Darf man als Politiker überhaupt krank werden?

Wodarg: Ja und nein. Krankheit wird immer als Zeichen von Schwäche gesehen. Dabei ist Krankheit oft ein Alarmsignal. Der Körper sagt: Du hast etwas falsch gemacht, du hast Dich übernommen. Es ist eine Ermahnung, die Kräfte dosierter einzusetzen.

LN: Viele Politiker treten auch deshalb nicht kürzer, weil sie sich für unentbehrlich halten.

Wodarg: Wer sich für unentbehrlich hält, der setzt sich einem wahnsinnigen Stress aus. Viel beruhigender ist doch das Gefühl, dass Andere im Notfall einspringen. Wer Angst davor hat, dass Andere auch gut sind, belastet sich zusätzlich.

LN: Helmut Schmidt ist 91 Jahre alt, Richard von Weizsäcker 89, Hans-Dietrich Genscher 82 - und alle drei sind bemerkenswert vital. Hält Politik nicht auch fit?

Wodarg: Das sind sehr stabile, in sich ruhende Menschen, die wissen, was sie sich abverlangen können. Es gibt natürlich viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Grundsätzlich gilt nicht nur in der Politik: Wer sich fordert und nicht überfordert, der kann fit und leistungsfähig bis ins hohe Alter bleiben.

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