"Klonen von Menschen zur Zellkernforschung ist schlicht überflüssig"
19.01.2008: Mein Artikel für den SHZ-Verlag, der am 19. Januar 2008 dort veröffentlicht wurde: Das gelungene Klonen von Embryos in den USA habe keine Auswirkungen auf die Stammzelldebatte in Deutschland, hieß es gestern. Tags zuvor hatten kalifornische Forscher bekannt gegeben, Embryos aus erwachsenen Körperzellen gewonnen zu haben, deren Erbgut in Eizellen eingefügt wurde. Der Flensburger Arzt und SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg schreibt exklusiv für unsere Zeitung, warum er das therapeutisches Klonen für einen Irrweg hält.
Und wieder wird als Sensation gefeiert, man könne klonen, Patientenkopien herstellen, Menschen also, die als Rohstoff für individuelle Arzneimittel in Aussicht gestellt werden. Auch wenn das Klonen von Menschen in Deutschland mit fünf Jahren Gefängnis bestraft wird, gibt es auch in Deutschland immer noch einige, die solchen Meldungen auf den Leim gehen oder sie sogar für eigene Interessen nutzen.
Das Klonen von Menschen zu therapeutischen Zwecken hat sich längst als Holzweg herausgestellt. Wir brauchen keine Patientenkopien, keine Ersatzteilklone. Wir können bereits jetzt viele Arten patienteneigener Zellen so regenerieren, dass daraus neue Gewebe, ja sogar Organe wachsen, die auch vom Patienten nicht als fremd abgestoßen werden. Die Durchbrüche in der adulten Stammzellforschung in den letzten zwei Monaten haben eines ganz deutlich werden lassen: Die Bereiche des Klonens von Menschen und die Tötung von Embryonen zur Stammzellforschung sind nicht nur ethisch zu verurteilen, sondern schlicht überflüssig, wenn es um die Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten geht.
Eine vergleichende Forschung ist durch die Verwendung der in Deutschland aufgrund des Stammzellgesetzes zugelassenen embryonalen Stammzelllinien vor 2002 in ausreichendem Maße möglich. Die von den Befürwortern einer Aufweichung der gesetzlichen Regelung angeführten Argumente, wie etwa die Gefährdung des Wissenschaftsstandortes Deutschland, sind nicht erst seit den jüngsten bemerkenswerten wissenschaftlichen Fortschritten in der adulten Stammzellforschung offensichtlich von schlichter lobbyistischer Beeinflussung geprägt.
Mehrere Forscherteams haben kürzlich "quasi-embryonale" Stammzellen aus Zellen von Hautgewebe (Gesichts- und Vorhautzellen) gewonnen und zeigen Möglichkeiten auf, diese in mehr als 200 verschiedene Zelltypen umzuwandeln, ohne Embryonen klonen oder deren Stammzellen verwenden zu müssen. Durch die nunmehr ermöglichte Produktion dieser Zellen aus adulten Gewebezellen und die sich allgemein abzeichnende Erkenntnis, dass die embryonale Stammzellforschung im Vergleich zur adulten in allen relevanten Bereichen - in qualitativer wie quantitativer Hinsicht - weit zurück fällt, gibt es keinerlei Rechtfertigung, die bioethisch höchst problematische embryonale Stammzellforschung in Deutschland in einem größeren Ausmaß als zur Zeit erlaubt zuzulassen.
Wer jetzt noch nach neuen embryonalen Stammzellen ruft, wird in Vergleichen höchstens nochmals feststellen, dass er aufs falsche Pferd im Rennen um neue Therapien gesetzt hat. Das kann für den Gesetzgeber kein Grund sein, erneut an den Prinzipien der Menschenwürde zu rütteln. In jeder Phase menschlichen Lebens ist es weiterhin nicht erlaubt, Menschen zu Rohstoffen für die Forschung zu degradieren oder gar als Rohstoff für die Produktion von Arzneimitteln ins Auge zu fassen.
Ethische Grenzen mögen die Forschung vorübergehend hemmen. Die wissenschaftliche Forschung selbst beweist aber immer wieder, dass sie die Fähigkeit besitzt, sich übergeordneten gesellschaftlichen Zielen zu stellen und dennoch bahnbrechende Forschungsergebnisse zu erzielen.




