Meine Stellungnahme zu den gemeinsamen Handlungsempfehlungen der GKKE und der forschenden Pharma-Unternehmen

02.07.2009: Vor kurzem veröffentlichte die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) und die forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) gemeinsame Handlungsempfehlungen aus Anlass der Bundestagswahl 2009 zum Thema "Gesundheit in Entwicklungsländern". Dazu gibt Dr. Wodarg folgende Stellungname.

Im gemeinsamen Positionspaper mit der GKKE erweckt der VfA den Eindruck, als sei er mit der ethischen Kompetenz einer kirchlichen Organisation ausgestattet. Dabei verfolgt er weiterhin ohne Abstriche seine Monopol- und Lizenzstrategie, die besonders für die öffentliche Gesundheit in den armen Ländern äußerst problematisch ist. . In der Arzneimittelindustrie hat sich wenig geändert. Die Grundsätze von Forschung und Entwicklung sind marktorientiert und nicht bedarfsgesteuert. Geforscht wird primär, wo Geld verdient werden kann und nicht, wo die Krankheit von Vielen nach einem neuen Medikament ruft. Wie in den letzten Jahrzehnten heißt der Leitsatz pharmazeutischer Entwicklungen auch weiterhin "No patent, no cure!". Dies hat für die Mehrheit der Weltbevölkerung verheerende Folgen.

Die armen Populationen dieser Welt, die einen hohen medizinischen Bedarf haben, bleiben weiterhin außen vor. Pharmakonzerne, die sich dennoch auf das "Feld der Armen" begeben, tun dies zumeist aus Image-Pflege. Verbesserungen in der medizinisch-pharmazeutischen Versorgung der armen Länder sind in den letzten Jahren immer nur gegen die Interessen der Pharmamonopole, durch politischen Druck und durch mutige Nichtregierungsorganisationen (NGOs) erreicht worden.

Umso ärgerlicher ist es, wenn der VfA als Vertreter der großen Pharmaunternehmen jetzt versucht, sich die ersten Erfolge, die auf diesem Gebiet erzielt werden konnten, auf die eigene Fahne zu schreiben. Unverständlich ist mir dabei, dass die kirchlichen Verbände dafür ihre Hand reichen.

Ich will nicht verhehlen, dass einige der VfA-Konzerne inzwischen bereit waren, sinnvolle Kooperationen im Rahmen von Product Development Partnerships (PDP) einzugehen. Auf diese Weise konnten beispielsweise deutliche Verbesserungen beim Zugang zu Anti-Malaria-Medikamenten in vielen Teilen Afrikas erreicht werden. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass es neben vielen Anderen die "Ärzte ohne Grenzen" waren, die diese Initiative ergriffen haben. Einzelne Pharma-Unternehmen sind dem nicht zuletzt unter dem Kalkül gefolgt, ihren Ruf und ihr Image durch Kooperation in PDPs aufzubessern.

Das Papier von GKKE und VfA entbehrt nicht platter Forderungen: So die nach mehr Steuergeldern für teure Medikamente und Impfstoffe sowie der nach Advanced Market Commitments - einer im Voraus gegebenen staatlichen Absatzgarantie. Das bedeutet: Die Finanzierung der Entwicklung und das Risiko sollen durch Steuergelder abgedeckt werden, aber die Patent- und Lizenzvergabe-Mechanismen, die den Pharma-Unternehmen unzählige Erpressungsmöglichkeiten bieten, sollen erhalten bleiben. Denn der VfA geht von einer Beibehaltung der derzeitigen patent- und monopolorientierten Forschung- und Entwicklungspraxis ohne Zugeständnisse aus.

Spätestens seit dem Bericht der WHO "Public health, innovation and intellectual property rights" (2006) und den darauf folgenden mühsamen Verhandlungen zwischen Regierungen und Industrielobby im IGWG-Prozess (WHO Intergovernmental Working Group on Public Health, Innovation and Intellectual Property) ist klar, dass öffentlich finanzierte und am Bedarf orientierte Forschung mit dem daraus sich ergebenden freien Zugang zu allen Forschungsergebnissen volkswirtschaftlich und gesundheitspolitisch der patentfinanzierten Forschung weit überlegen ist. Mehr Forschung für Arme und das Monopoly von Big Pharma sind nicht kompatibel.

Die im gemeinsamen Papier von GKKE und VfA erwähnte Parlamentarier-Arbeitsgruppe "Gesundheit in den Entwicklungsländern" ist als Bundestags-Unterausschuss leider nicht zustande gekommen. Das hatte vielerlei Gründe. Was dagegen zustande gekommen ist, ist die Tatsache, dass auf Betreiben eines FDP-Abgeordneten der VfA unter diesem Label sich im Bundestagsbetrieb eine Lobby-Plattform einrichten konnte.

Ich möchte Alle auffordern, die es ernst meinen mit der Bereitstellung kostengünstiger, wirksamer Therapien und Medikamente für die Armen dieser Welt, die wollen, dass endlich zuerst zu jenen Krankheiten geforscht wird, die den größten Hilfebedarf verlangen (und nicht wie bisher vor allem in "Blockbusters" für zahlungskräftige Kunden investiert wird), dass sie sich mit uns dafür einsetzen, dass öffentlich geförderte Forschung und Entwicklung bedarfsgerecht ausgebaut und international finanziert wird. Die dabei erzielten Forschungsergebnisse müssen für alle Länder frei zugänglich und von Allen frei nutzbar sein. Auf diese Weise werden die Herstellung von Medikamenten zu sehr geringen Kosten und die Bedarfsdeckung von armen Bevölkerungsschichten möglich werden.

Es ist nicht länger hinnehmbar und mit meiner Vorstellung von christlicher Moral und Ethik auch nicht vereinbar, dass zweistellige Renditen für Kapitaleigner die Voraussetzung für eine Hilfe sein sollen, die zu leisten für Forscher und Ärzte gleichermaßen selbstverständliche Pflicht zu sein hat und die von vielen gläubigen Christen - sehr oft ehrenamtlich - geleistet wird.

Ich bitte die GKKE , das gemeinsame Papier mit dem VfA noch einmal zu überdenken und sich von einigen, hier angesprochenen Kernpunkten zu distanzieren.

Zugehörige Dateien:
2009KirchenPharmaFinal.pdfDownload (192 kb)
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