Gute Nachricht aus Indien: Freies Anti-Tuberkulose Netzwerk erfolgreicher als Pharmakonzerne

14.04.2010: Indische Forschernetzwerke gaben am Sonntag bekannt, dass das Gen des Tuberkulose-Erregers jetzt vollständig entschlüsselt sei und im Internet für alle frei nutzbar gemacht werden soll. Hierdurch wird endlich die Möglichkeit für alle Forscher weltweit eröffnet, die Gen-Karte des Erregers zur Erforschung und Entwicklung neuer, wirksamer und gleichzeitig kostengünstiger Medikamente zu nutzen.

Das TB-Genom als Public Domain für Arznei-Forscher in aller Welt ist ein Meilenstein im Kampf gegen die Monopol- und Hochpreis-Strategien der großen Pharma-Konzerne, die über Patente und Lizenzbarrieren das Haupthindernis für eine effiziente Arzneimittelforschung darstellen - auch wenn sie mittels ihres milliardenschweren, oft kriminellen Marketings immer wieder das Gegenteil behaupten lassen.

Diese Meldung aus Indien ist deshalb wohl eine der wichtigsten und gleichzeitig erfreulichsten Nachrichten aus der Medizinforschung seit vielen Jahren. Die Tuberkulose (Tbc) ist einer der bedrohlichsten und tödlichsten Krankheiten für die Menschen in aller Welt. 1,7 Millionen Menschen sterben laut WHO jährlich an ihr, und jede vierte Tbc-Infizierte kann nicht mehr mit den üblichen Tbc-Medikamenten behandelt werden.

Die Krankheit betrifft besonders die ärmeren Bevölkerungen und verbreitet sich durch engen Kontakt, zum Beispiel durch Husten und Niesen, was natürlich in verdichteten Lebensräumen besondere Risiken mit sich bringt.

Nachtbus in Mumbay: Hier muss der Tuberkulose-Erreger nicht weit springen...

Überbevölkerung bringt zusätzliche Risiken. Sie ist ein guter Nährboden für übertragbare Krankheiten wie TBC

Die meist in Vierfach-Kombination für mehrere Monate erforderliche Tbc-Medikation ist für Behandelnde und Patienten bisher sehr mühsam und birgt deshalb zahlreiche Risiken und Nebenwirkungen.

Die derzeit zur Verfügung stehenden TB-Medikamente sind seit einem halben Jahrhundert nahezu unverändert im Einsatz und es treten zunehmend gefährliche Resistenzen auf, was dazu führt, dass Patienten und Ärzte der Krankheit immer häufiger wehrlos gegenüberstehen.

Jetzt haben Hunderte von Wissenschaftlern aus allen Teilen Indiens in gemeinsamer Anstrengung während einer dreitägigen "Connect 2 Decode" (D2D)- Konferenz die ergänzende Beschreibung von etwa 4000 bisher in ihrer Funktion unverstandenen Genen, welche aber für die Funktion und Infektiosität des TB-Erregers von hoher Bedeutung sind in Angriff genommen und ihre Ergebnisse sofort im Internet veröffentlicht.

Wie bei "Wikipedia" oder "Google Map" ist das jetzige Ergebnis eine der Öffentlichkeit zur Verfügung stehende, nach hohem fachlichen Standard kontrollierte Gemeinschaftsleistung.

Arzneimittel-Entwickler können nun sofort loslegen und müssen sich nicht den Kopf über Lizenzgebühren an Pharma-Monopolisten zerbrechen. Das von der Open Source Drug Discovery-Initiative (OSDD) geschaffene Wissen steht im Internet und ist nicht mehr patentierbar.

Samir Brahmachari, der Generaldirektor des "Council of Scientific and Industrial Research" (CSIR) meinte, dieser Schritt markiere den Startschuss bei der Anpassung von Forschung und Entwicklung an die Interessen der öffentlichen Gesundheit und bei der Nutzung des vollen Potentials des Open Source Modells für die Entwicklung medizinischer Technologien und die Entdeckung von Arzneimitteln gegen vernachlässigte Krankheiten.

Die Gen-Karte des Mycobacterium Tuberculosis (MTB-map) wurde im Internet-Portal: www.osdd.net veröffentlicht und nutzt ein neuentwickeltes web 3.0 Format, welches die Arbeit der Forscher erleichtern soll.

Die Motivation des indischen Forschernetzwerkes beschreibt Samir Brahmachari folgendermaßen: "Wir brauchen eine ausgewogene Sicht zwischen Gesundheit als Menschenrecht und Gesundheit als Geschäft."

Er verweist darauf, dass die Pharmaindustrie in den letzten vierzig Jahren die Erforschung der Tuberkulose weitgehend vernachlässigt habe. Tbc treffe eben überwiegend die Menschen in armen Ländern und dort sei für Big-Pharma kein Geschäft zu machen.

Als jemand, der diese Art der öffentlichen patentfreien Forschung seit Jahren einfordert, habe ich mich sehr gefreut, diese Neuigkeiten in der India-Times zu entdecken, die mir mein Hotel in einer mittelindischen Kleinstadt heute neben Papayasalat und Porridge auf den Früstückstisch legte.

Grüsse und gute Nachrichten aus Indien!

Wolfgang Wodarg

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei StudiVZ teilen
  • Seite bei MySpace teilen
  • Seite bei Mister Wong bookmarken
  • Seite bei del.icio.us bookmarken
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken
  • Seite bei YahooMyWeb bookmarken
Zum Thema
  • EU negotiates in India on behalf of Big Pharma and trades away Access to Medicines10.02.2011 | An alarming blog by Els Torreele, the Director of the Access to Essential Medicines Initiative of the Open Society Public Health Program:
    Recent news reports on negotiations between India and the European Union on a proposed free trade agreement (FTA) have many health and human rights experts worried that millions of people may be left without access to life-saving medicines. Indeed people in low-resource countries are critically dependent on affordable medicines produced by India, which for that reason has been dubbed the “pharmacy of the developing world.” If, as reports indicate, EU negotiators succeed in pressuring India to beef up intellectual property protection at the expense of public access rights for life-saving drugs, the FTA would seriously undercut India’s ability to produce generic, low-cost drugs, with detrimental effects on access to medicines for the developing world. mehr »