Wodarg über "Terrorismus und Medien" vor internationalen Journalisten

19.09.2007: Bedrohen Terrorakte unsere Demokratien oder sind sie schwere Verbrechen, die aber mit angemessenen Mitteln verhindert oder geahndet werden können - und welche Rolle spielen dabei die Medien?

"Kriege werden erfunden, Terror wird inszeniert und Gewalt kann man kaufen!" stellte der Flensburger Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses, der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) fest.

Die Parlamentarische Versammlung des Europarates

Die Parlamentarische Versammlung des Europarates

Wodarg ist dort Berichterstatter für das Thema Medien und Demokratie. Der Abgeordnete war in das Gebäude am Brandenburger Tor eingeladen worden, um im illustren Kreis der internationalen Journalistinnen und Journalisten die Arbeit des Europarates vorzustellen und zu diskutieren. Als "Watchdog der Demokratie" hat der Europarat die Grenzen der Einflussnahme des Staates auf die Medien in Artikel 10 seiner Menschenrechtskonvention sehr sensibel definiert. Wodarg´s Analyse: "Medien können sich als Terrorverstärker mitschuldig machen. Sie können aber auch über die Hintergründe und Zusammenhänge der Terroranschläge aufklären und so zu einer vernünftigen Anti-Terror-Strategie wesentlich beitragen." Sensationspresse entwürdige die Opfer und mache die Täter populär.

"Kann Terrorismus die Demokratie gefährden?" war eine Frage, von deren Antwort sehr viel abhängt. Wodarg: "George Bush hat sie mit "Ja" beantwortet und damit den "Krieg gegen den Terrorismus" begründet. Der Europarat sage hierauf ganz eindeutig "Nein" (...terrorist action can neither be regarded as war in a legal sense, nor can it threaten the life of a democratic nation.)

Der Arzt Dr. Wodarg verglich die Prozesse der Terrorabwehr mit Immunreaktionen des Körpers und meinte, dass die Vereinigten Staaten "allergisch" auf das Verbrechen am 11. September 2001 reagiert haben und dass durch eine solche Überreaktion sehr wohl ein Schaden für die Demokratie entstehen könne. Das Bombengewitter am Hindukusch hat die Terrorgefahr ebensowenig vermindert wie der Vietnamkrieg den Kommunismus besiegt hat. Die europäischen Demokratien haben gezeigt, das sie inzwischen angemessener und rationaler mit der Gefahr terroristischer Gewalttaten umgehen und weniger allergisch reagieren. Die Darstellung der Terrorakte in den Medien spiele für die Reaktion einer Gesellschaft auf solche Herausforderungen in jedem Fall eine wesentliche Rolle. Deshalb könne eine terrorverstärkende Sensationsberichterstattung den Schaden für eine Gesellschaft ähnlich vergrössern wie Politiker, die aus machttaktischem oder wirtschaftlichem Kalkül oder wegen ideologisch verzerrter Wahrnehmung das Augenmass verloren haben.

Das gab Stoff für die diskussionserfahrene Runde, die zuvor u.a. mit dem Ex-Innenminister Gerhart Baum über die Bewertung des Terrorismus der 70ger Jahre in Deutschland gestritten hatte und die auch mit dem jetzigen Innenminister Wolfgang Schäuble über seine aktuellen Terrorabwehrpläne diskutieren wird.

Der Europarat setzt Normen zum Schutze der Demokratien. Die Journalisten stellten fest, dass die Arbeit dieses für die Entwicklung und Sicherung von Demokratie in Europa streitenden Gremiums zu wenig gewürdigt wird. Der Text der Empfehlung 1706 des Europarates "media and terrorism" ist als Pdf diesem Artikel angehängt.

Zugehörige Dateien:
erec1706_final.pdfDownload (147 kb)
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