Wir wollen unseren Landarzt - nicht nur im Fernsehen!

26.09.2009: Aus Angeln an der Schlei, dort wo die Landarztserie spielt, erreichen mich Hilferufe von Bürgermeistern und Gemeinderäten, weil Vakanzen in der hausärztlichen Versorgung absehbar sind. Die Alten ziehen sich zurück, und Neue haben Angst vor dem wirtschaftlichen Risiko einer Niederlassung.

Sie ziehen es vor, Dänisch-, Norwegisch- oder Schwedischkurse zu absolvieren, um in das Paradies der skandinavischen Staatsmedizin zu flüchten, wo man sein "gutes Gehalt bekommt und sich als Arzt ganz und gar den Patienten widmen kann."

Aber in Angeln wird man auch krank und keiner will nur aus diesem Grunde die schöne Gegend verlassen, um in die Nähe einer städtischen Praxis zu ziehen. Was können wir also tun? Eigentlich gibt es genug ärztlich erfahrene Kollegen und vor allem Kolleginnen, die gern auf dem Lande leben und arbeiten würden. Doch als EinzelkämpferIn mit vollem wirtschaftlichen Risiko?

Inzwischen gibt es große Krankenhauskonzerne, die kaufen verwaiste Praxen auf und integrieren Teile der ambulanten Versorgung mit Hilfe von MVZs oder als "Portalpraxen" in ihre regionalen Versorgungsmonopole.

Aus der Sicht der Anteilseigner ist das ein kluger Schachzug, für ältere Landbewohner ein Grund, ihr Haus zu verkaufen und für Krankenkassen Ärzte, Pflegekräfte und Versicherte eine finanzielle Bedrohung. Wie läuft das denn im dünn besiedelten Skandinavien? Können wir da nicht etwas lernen?

Zur Zeit denken einzelne Gemeinden an die Gründung gemeinnütziger gGmbHs. Die Sozialstation und die zwei verbliebenen Arztpraxen könnten mit der Gemeinde deren Gesellschafter werden. Dann könnte man ein ländliches Gesundheitszentrum mit Außensprechstunden errichten, in dem jeder - gegen skandinavisches Gehalt- mitarbeiten kann: Die Kassenärzte, entlastet durch ärztliche Halbtagskräfte, die auf diese Weise Familie und Beruf wieder zusammenleben können, Pflegekräfte der Sozialstation, Sozialarbeiter und die Verwaltungskraft, die allen am Patienten Tätigen die deutlich verringerte administrative Tätigkeit vom Halse hält.

Man würde nämlich mit den Kassen ein einwohnerbezogenes Regionalbudget pauschal für die 15 000 Einwohner in den zugehörigen Gemeinden abschließen. Flatrate statt Abrechnung!

Ärztliche Behandlung und Pflege gehen dann Hand in Hand wie sonst nur in guten Kliniken und alle verdienen um so besser, je weniger ins Heim oder ins Krankenhaus müssen. Utopie? Nein, die gesetzlichen Möglichkeiten bestehen und es gibt einzelne Versuche. Klappen wird das aber erst, wenn die Krankenkassen merken, welche Chancen darin liegen und entsprechend vor Ort logistische Unterstützung anbieten - nicht nur eine Kasse, sondern alle gemeinsam. Lang lebe der Landarzt!

Dr. Wolfgang Wodarg, Arzt und Volksvertreter

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