"PANDEMIE ZU MARKETINGZWECKEN MIßBRAUCHT"
18.08.2009: Hier ein Interview von Ralf Wurzbacher mit Dr. Wolfgang Wodarg, erschienen in der Zeitung Junge Welt.
Der Internist und Spezialist für Lungenheilkunde Wolfgang Wodarg ist Abgeordneter der SPD im Bundestag
Sie haben sich damit zu Wort gemeldet, daß die Angst um die Schweinegrippe eine große Inszenierung sei. Wie kommen Sie dazu?
Wodarg: Ich habe alle verfügbaren Daten, darunter etwa die des Robert-Koch-Instituts, ausgewertet und bin zu dem Schluß gekommen: Bei der sogenannten Schweinegrippe handelt es sich, verglichen mit früheren Grippewellen, aus epidemiologischer Sicht um eine eher harmlose und wenige Menschen betreffende Entwicklung.
Wie gefährlich oder ungefährlich ist die Krankheit also?
Wodarg: Nehmen wir das Beispiel Großbritannien, wo bislang über 10000 Fälle gezählt wurden. In Jahren mit einer starken Grippeepidemie bewegen sich die Erkrankungsraten in einer Region wie Flensburg mit rund 120000 Einwohnern in einer ähnlichen Größenordnung. Auch in Mexiko-City kommen nur ein paar tausend Fälle auf 24 Millionen Menschen. Auf so eng besiedeltem Raum ist das geradezu lächerlich. Außerdem wird überall von einem relativ milden Krankheitsverlauf berichtet. Hier wird eine ganz normale, vergleichsweise sogar ungefährliche Grippewelle zu Marketingzwecken mißbraucht.
Aber ist eine Grippewelle im Sommer nicht doch ein schlimmer Vorbote für die anstehende kalte Jahreszeit?
Wodarg: Die Grippe ist eine permanente Pandemie, Grippeviren ziehen immer um die Welt. Es gibt unzählige Virustypen, sie haben ihr Reservoir in Mensch oder Tier und verändern sich durch Genaustausch innerhalb eines Stammes oder über die Stammesgrenzen hinweg immer wieder von neuem und überlisten damit die menschliche Immunabwehr. Die Schweinegrippe ist nur ein Virustyp von vielen, sie trägt nur einen beängstigenden Namen.
Und das ist kein Zufall?
Wodarg: Die Bezeichnung bekam sie von den Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta, weil in dem Virus schweinevirus-analoge Strukturen zu finden sind. Vermutlich ließen sich aber auch Ähnlichkeiten zu Nerz- oder Pferdeviren erkennen. Früher hat das sowieso niemanden interessiert. Da gab es die Grippewelle, und keiner wußte um die molekulargenetische Ausprägung des Erregers.
Und heute lassen sich mit jedem neu differenzierten Erreger neue Ängste schüren?
Wodarg: Richtig. Beim Begriff Schweingerippe schwingt mit, daß ein Erreger von Tier zu Mensch springt. Dabei denkt man gleich an das AIDS-Virus, das angeblich vom Affen stammen soll, oder an die Pest. Noch einmal: Grippeviren leben und vermehren sich auch in Vögeln, Pferden, Nerzen, Walen, Seehunden und landen in ähnlicher Form immer wieder auch beim Menschen.
Ist also die CDC der verlängerte Arm der Pharmalobby?
Wodarg: Nein. Auch wissenschaftliche Institute leben von Aufmerksamkeit, und je knackiger etwas klingt, desto eher stürzen sich auch die Medien darauf. Die Schweinegrippe ist einfach ein Musterbeispiel für kluges Agenda-Setting. Zum ersten Mal richtig geklappt hat das 2005 mit der Vogelgrippe, einer Krankheit, die es gar nicht gab. Das ganze Theater darum verdankte sie allein der Spekulation, daß das Virus mutieren und auf den Menschen überspringen könnte. Trotzdem bunkerten die Bundesländer damals für 200 Millionen Euro die Grippepille Tamiflu, und der Leiter der Vogelgrippe-Kampagne bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wechselte anschließend zum Pharma-Riesen Novartis. Eben dieser Konzern will gerade den Grippe-Impfstoff Optaflu auf den Markt bringen. Wir erleben aktuell von neuem, wie die Pharmaindustrie erfolgreich ihre Interessen in der Politik durchgesetzt hat.
Was werfen Sie in diesem Zusammenhang dem Robert-Koch- und dem für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständigen Paul-Ehrlich-Institut vor?
Wodarg: Ich finde, daß beiden Instituten eine stärker ärztliche und weniger molekulargenetische Sichtweise gut anstünde.
Das Paul-Ehrlich-Institut in Langen bezichtigt umgekehrt Sie der Panikmache, weil Sie ohne jeden Anlaß Gefahren an die Wand malen würden.
Wodarg: Meine Einwände bezogen sich auf den Impfstoff Optaflu, der auf Krebszellen gezüchtet wird. Ich habe beklagt, daß dieser Impfstoff für die Anwendung ungeeignet ist, weil er noch nicht lange genug getestet wurde und die Gefahr einer Mitübertragung krebserzeugender Bestandteile des Zellmaterials auf den Geimpften nicht auszuschließen wäre. Es gibt aber noch einen anderen unbedenklichen Novartis-Impfstoff, und das Paul-Ehrlich-Institut stellt die Sache nun so, daß ich diesen attackiert hätte.
Gleichwohl halten Sie die geplante Massenimpfung für falsch?
Wodarg: Ich halte Impfungen bei entsprechender ärztlicher Indikation für richtig, um bestimmte Risikopatienten, also über 60jährige, chronisch Kranke und Menschen mit hohem Infektionsrisiko, zu schützen. Deshalb ist die Impfempfehlung genauso auszusprechen wie in den Vorjahren. Dafür reichen die verfügbaren Impfstoffe allerdings völlig aus.
Eines speziellen Impfstoffes gegen die Schweinegrippe bedarf es nicht?
Wodarg: Auch die gängigen Impfstoffe werden jedes Jahr an die neuen Virenbeschaffenheiten angepaßt. Allerdings ist das Verfahren kompliziert und zeitaufwendig, weil die Viren auf Hühnereiern angezüchtet werden. Bei dem neuen und von mir kritisierten Novartis-Impfstoff Optaflu werden die Viren in Bioreaktoren auf Zellen gezüchtet, die ursprünglich von Tumorzellen eines Hundes stammen, weil das wesentlich schneller geht. Bei dem mit der üblichen Methode gewonnenen Antigen gab es immer wieder Verunreinigungen durch Hühnereiweiß, was zu ungewollten Reaktionen bei Menschen mit Hühnereiweißallergien führte. Genauso könnten aber auch mögliche Verunreinigungen bei Optaflu krebserregend wirken. Deshalb sage ich: Laßt die Finger davon, solange das Krebsrisiko nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst ausgeschlossen ist.
Und wenn es anders kommt. Wäre das ein "medizinischer Großversuch an deutschen Bevölkerung", wie der Pharmakritiker Wolfgang Becker-Brüser dies nennt?
Wodarg: Wollte man wirklich derzeit Millionen Menschen mit Optaflu impfen, dann wäre das in der Tat unverantwortlich.
Quelle: Junge Welt



