Krankenhausinfektionen: Untätigkeit ist gefährlich und teuer
26.08.2010: Interview der Kieler Nachrichten mit dem Flensburger SPD-Gesundheitspolitiker Wolfgang Wodarg über das Problem der Krankenhausinfektionen:
Frank Lindscheid | kn | 25.08.2010
www.kn-online.de/microsites/weitere_inhalte/168188-Wir-brauchen-mehr-Hygienebeauftragte.html
Flensburg/Berlin
Experten wie der SPD-Gesundheitspolitiker Wolfgang Wodarg machen für das Problem der Krankenhausinfektionen weniger ein Regelungs-Defizit verantwortlich als Sparzwänge und mangelnde Kontrollen. Der Arzt und frühere Bundestagsabgeordnete aus Flensburg kämpft schon lange für mehr Hygiene in deutschen Kliniken und hat das Infektionsschutzgesetz mit initiiert.
Herr Wodarg, jährlich sterben Zehntausende von Patienten allein an Krankenhausinfektionen. Was läuft schief in deutschen Kliniken?
Generell muss man sagen: Krankenhäuser sind ein gefährlicher Ort. Dort wird operiert, es kommen viele Patienten mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen geballt zusammen, die zum Teil mit resistenten Keimen infiziert sind. Durch Verlegungen aus anderen Krankenhäusern oder Heimen werden Erreger eingeschleppt. Die systematische Hygiene bedarf hoher Aufmerksamkeit. Bei steigenden Patienten- und Fallzahlen, immer kürzeren Liegezeiten wird es immer schwieriger, das Problem zu beherrschen.
Verschärft der Spardruck das Problem?
Er fördert die Misere. Unter dem Kosten- und Renditedruck wird stark am Personal gespart. Es geht um viel Geld. Das Pflegepersonal ist stark zurückgefahren worden, und gerade das Pflegepersonal hat die meisten Patientenkontakte. Die Arbeit im deutschen Krankenhaus ist heute ein Wahnsinnsstress. Es gibt nicht genügend Personal und das ist überfordert.
Gleichzeitig muss das Personal immer mehr dokumentieren. Und: Es wurde viele outgesourct. Es gibt immer mehr häufig wechselndes Personal von außen, etwa zur Essensausgabe oder zur Reinigung. Auch das ist ein Hygiene-Risiko
Brauchen wir mehr Hygienespezialisten, gezielte Untersuchungen bei der Einlieferung?
Ja, das wäre ein richtiger Weg. Es ist wichtig, dass das Thema jetzt auf die öffentliche Tagesordnung kommt. In Deutschland sieht es insbesondere bei multiresistenten Keimen nicht gut aus, da können wir von unseren Nachbarstaaten lernen. In den Niederlanden oder Skandinavien gibt es halb so viele Krankenhausinfektionen. Dort wird bei neuen Patienten nach Problemkeimen gesucht, um gezielt Sicherheitsmaßnahmen zu veranlassen. Es gibt auf bestimmte Erreger fokussierte Programme, die gezielte Abwehrmaßnahmen ermöglichen.
Warum hat die Politik so lange zugesehen?
Die Politik war nicht untätig. Das Infektionsschutzgesetz, das die rot-grüne Bundesregierung auf den Weg gebracht hat, ist eine vernünftige Grundlage. Darin - das wissen wenige - ist sogar eine Beweislastumkehr verankert. Das bedeutet: Die Krankenhäuser sind verpflichtet, alles zu dokumentieren, was an Komplikationen oder Hauskeimen auftritt. Sie müssen spezielle Hygienebeauftragte einsetzen. Das Land muss das kontrollieren. Aber es gibt immer noch zu wenig Hygienebeauftragte, und wir bilden eindeutig zu wenig Hygieniker aus. Dass dort „gespart“ wird, kommt uns teuer zu stehen.
Wo muss man jetzt ansetzen?
Die Krankenkassen haben eine Schlüsselposition. Sie tragen als Vertragspartner der Kliniken offenbar seit Jahren untätig die teuren Folgen schlechter Hygiene. Meine Forderung: Krankenhäuser die keine ausreichende Vorsorge treiben, müssen den Kassen nach dem Verursacherprinzip die hohen Kosten für Hospitalinfektionen erstatten. Und im konkreten Fall muss das Krankenhaus nachweisen, dass es alles getan hat, um Infektionen zu vermeiden.





