Sörup am Südensee: Es gibt so viele verborgene und vergessene Talente bei unseren Alten!

27.06.2009: Bei einer Grillparty an der Wohnanlage am Schwanenweg, in der Gemeinde Sörup, nahe dem Südensee, hatten sich Jung und überwiegend Alt versammelt, um zu feiern und zu singen. Dabei habe ich als Gast etwas sehr schönes erlebt und gedacht: Hier liegen Schätze, die zu heben sind!

und ich würde gern ein Foto von ihr sehen, das sie als lachende 18-jährige zeigt

Es ging los mit einer sehr beschwerlichen Radstrecke: 25 Kilometer gegen den Wind! In der Knicklandschaft von Angeln gibt es kaum längere gerade Strecken, man fährt um jedes Feld, und jedes Feld hat seinen grünen Rahmen: den Knick. Und der Knick schützt vor Wind - jedenfalls manchmal.

Mein blaues italienisches Stahlroß summte, ungeachtet des Gegenwindes, durch die pralle, grüne Sommerlandschaft und es machte Spaß, zu schwitzen, trocknete doch der Wind die nassen Stellen gleich wieder föhngleich ab.

Als ich Sörup ankam, roch ich mein Ziel von weitem, denn es lag in Luv und ich saß nicht im geschlossenen Auto, sondern konnte frei alles wittern, was der Wind mir zutrug. Es war der gleiche Sommerduft, an dem man die Zeltplätze, Kleingartenkolonien und Einfamilienhaussiedlungen an Sommerwochenenden schon von Weitem ausmachen kann - wenn sie im WInd liegen: Es roch nach Holzkohle, Spiritus und Bratenduft: Grillgeruch! Ich war angekommen.

Kaum hatte ich mein Rad an einen Zeltpfosten gestellt, schob man mich auch schon hinein und drückte mir mit einladender Geste ein Mikrofon in die Hand. Ich dankte für die Einladung, entschuldigte mich für meinen etwas zerzausten Aufzug, berichtete von einigen Erlebnissen auf der langen Radtour und setzte mich an einen längeren Tisch mit der Ankündigung, jetzt unbedingt und dringend etwas trinken und essen zu müssen

Die Gesellschaft war schon recht gut drauf, applaudierte nett und stand dann solidarisch mit mir auf, um in einer langen Schlange die Schüsseln mit selbstgemachten Salaten Käsespiessen und Melonenhäppchen zu stürmen. "Der Wein ist schlimm," meinte eine fürsorgliche ältere Nachbarin, "Der geht gewaltig in die Birne! Aber früher haben wir den immer getrunken. Amselfelder oder Spätlese oder anderes süßes Zeug." ergänzte sie mit nostalgischem Blick. "ja", meinte ich, "heute steht man mehr auf Trockenem; der ist ja auch bekömmlicher."

Na egal, wir standen sehr lange an und ich schenkte mir erst einmal Wasser ein, mit einem kleinen Schuss von dem "Süßen".

Als wir saßen und schmausten, stand eine etwa 80jährige schlanke Dame auf und kramte aus der Tasche ihrer langen roten Strickjacke eine Hohner Melodica heraus.

"So, jetzt seid mal ein bischen ruhiger!" befahl sie, mit ihren kleinen aber blitzenden Augen in die Runde blickend.

Dann setzte sie die Melodika an ihren faltigen, schon etwas eingefallenen Mund und fing an zu spielen.

Das konnte nicht wahr sein, aus so einer alten Frau solch ein Schwung, ein wahnsinniges Harmonica-Feeling mit Drive und enormem, durch Zungenschlag getaktetem Rhytmus!

Erst die in ihrer Nähe, dann die nächsten Tische und zum Schluss das ganze Zelt: "Goldblondes Haar und tiefblaue Augen, so soll mein Madel sein, aus friesischem Haus..." Ich hatte das Lied noch nie gehört, aber hier kannten es alle und sangen es gleich mehrere Male hintereinander, konnten gar nicht genug kriegen. "Ich hab keine Luft mehr", japste die Rotjackige und setzte ab. "Spiel weiter!" rief es von allen Seiten. Sie schnappte nach Luft setzte an und es kam so etwas von Hans Albers, was auch alle kannten und mitsangen und dann nochmal "goldblondes Haar..."

sie spielt "Goldblondes Haar..." auf ihrer Mundharmonika


goldblondes Haar SÖRUP beim Grillfest: goldblondes Haar...

Das war Stimmung und am Buffet war jetzt alles frei, sodass ich diese Kunstpause für meine Tellerfüllung ausnutzen konnte. Nach mehreren Gesprächen mit dem Initiator des Grillabends und meinen Tischnachbarn traf eine Gruppe munterer Trubadure ein, die als Klanxbüller Gesangsverein nicht nur Westen trugen sondern auch vom Westen kamen. Während der Chorleiter unter verhaltenem Glucksen einiger Damen berichtete, er käme immer so gern nach Sörup, weil man hier von so netten Damen so dankbar geküsst werde - "als Künstler", bauten sich zwei Akkordeons und ein Notenpult sowie etwa 18 stramme grauhaarige Chorknaben zeltfüllend vor uns auf.

Nach weiteren einführenden charmanten Worten des Chorleiters gig es los mit Rolling home, dem Gorch-Fock-Lied, La Paloma und anderen maritimen Tonschinken, die aber so manchem der Anwesenden ob ihrer zeitlosen Schönheit und Wahrheit die Tränen der Sehnsucht in die Augen treten ließen.

mit dem Klanxbüller Männerchor


rolling home Sörup Klanxbüller Männerchor in Sörup

Es sind einfache Dauerbrenner, die aber immer noch irgendwie brennen, wenn man ihnen mal wieder zuhört. So ähnlich wie das Wort von Willy Brandt, fiel mir ein: "Wir müssen mehr Demokratie wagen!" Ja, da können einem in dieser ach so nüchternen Zeit schon mal die Sehnsuchtstränen aufsteigen!

Ich nahm mein iPhone raus und knipste und recordete, was das Zeug hielt. (Aufnahmen anbei, siehe unten!) Hatte das Gefühl: Hier gilt es etwas festzuhalten! Die leben bald alle nicht mehr! Und dann? Dann habe ich mich verabschiedet und mich schnell auf mein Rad geschwungen, um mit dem Wind zurück nach Flensburg zu fliegen.

Doch der Wind war eingeschlafen.

wolwo

mit dem Klanxbüller Männerchor

begeisternder Gesang

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