Bildung ist ein Menschenrecht - VAMOS ADELANTE!
08.09.2008: Derzeit gibt es weltweit noch fast 800 Millionen Menschen über 15 Jahren, die nicht schreiben und lesen können. Die weitaus meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern. Doch ohne Bildung ist menschliche Entwicklung nicht möglich. Bildung ist ein Menschenrecht. Der freie Zugang dazu muss allen Menschen der Welt gewährleistet sein. Bildung zu fördern, ist deshalb auch eine wichtige Aufgabe der deutschen Entwicklungspolitik. Zum Welttag der Alphabetisierung hier mein Erlebnisbericht aus dem Urwald von Guatemala:
Während meiner letzten Mittelamerika-Reise nach Guatemala mit dem Vorsitzenden des Entwicklungsausschusses Thilo Hoppe (siehe offiziellen Bericht auf dieser Homepage) habe ich ein außergewöhnliches Schulprojekt besuchen können, welches in den vergangenen 20 Jahren schnell gewachsen ist und inzwischen hunderten von Kindern in benachteiligten Regionen unweit der ehemaligen Hauptstadt Guatemalas, Antigua, eine Chance auf Bildung gibt: Das Projekt "Vamos Adelante", welches auf Deutsch soviel bedeutet wie "lasst uns vorangehen!"
Auf der Placa Major in Antigua trafen wir Nina Jörgensen, eine schwedische Entwicklungshelferin, die uns begeistert davon berichtete, wie sie in der gewaltbereiten und von jahrzehntelangen Bürgerkriegen gezeichneten Region dazu gekommen war, den Schulunterricht von Kindern zu organisieren. Während unserer holprigen Fahrt durch Urwaldpisten fuhr uns ein Polizei-Pickup voraus, dessen schwer bewaffnete Besatzung uns vor Überfällen durch bewaffnete Jugendbanden schützen sollte. Die junge Schwedin erzählte uns dabei ihre spannende Lebensgeschichte: Sie hatte viele Jahre in Berlin gelebt und war als Stewardess bei einer amerikanischen Airline in der Welt umhergeflogen. Eines Tages hatte sie davon genug und beschloss einen Bonusflug zu nutzen um ohne großes Gepäck und ohne konkrete Zukunftspläne ein neues Leben anzufangen. Sie warf eine Münze und flog nach Guatemala. In diesem damals noch vom Bürgerkrieg geprägten Land fand sie als offene, immer fröhliche und aktive Frau sehr schnell Kontakt, lernte spanisch, lebte vom Kauf und Verkauf landestypischer Produkte nach Deutschland und folgte schließlich einem Freund in sein Dorf in der Nähe von Antigua. Das war vor fast 20 Jahren und es war der Beginn ihrer Bildungsinitiative.
Mangelnde Bildung und Gesundheitsversorgung zählen zu den größten Problemen in Guatemala. Bitterste Armut, vor allem bei der Bevölkerung auf dem Lande, Korruption, Gewalt, Kinderarbeit, Unterernährung und Todesfälle gerade bei den Jüngsten sind die Folge. Dagegen wollte Nina Jörgensen etwas tun. Sie baute ein eigenes Hilfswerk mit vier Schwerpunkten auf: Schulausbildung, Gesundheit und Hygiene, Ernährung und Hilfe für Behinderte. Das Projekt ist politisch unabhängig, auch nicht religiös ausgerichtet und als gemeinnützig anerkannt. Diese Unabhängigkeit und politische Neutralität war für sie Voraussetzung für ein Überleben in dieser von rücksichtsloser Gewalt geprägten Region Mittelamerikas. Ein offener Kampf gegen die Korruption oder gegen brutale Großgrundbesitzer bedeutet hier den sicheren Tod in wenigen Tagen. Nina Jörgensen hat sich in den Dörfern eingebracht, geholfen, organisiert und in einer selbstgebauten Blechhütte Dorfkindern das Lesen und Schreiben beigebracht. Dabei fiel ihr auf, dass die staatlichen Schule diese Kinder oft einfach vergessen oder dass es in vielen Siedlungsräumen gar keine Schulen gab. Sie setzte ihre geringe Habe ein und warb bei ihren Freunden in Deutschland und Skandinavien um Spenden und Hilfe für die Kinder in den bewaldeten Bergen um Antigua.
Wir fuhren entlang einer kilometerlangen Kaffeeplantage, an einer herrschaftlichen Einfahrt und an einer entstehenden Golfanlage vorbei und bogen schließlich in einen schlammigen Weg ein, um vor einer kleinen bunten Hütte mit Wellblechdach zu stoppen. Wir wurden von einer Schar Kinder und zwei jugendlich wirkenden Lehrkräften begrüßt, die ihren Unterricht unterbrachen und uns hinein baten. Aber auch unter einigen Bäumen vor der Schule waren Bänke aufgestellt und Kinder und Jugendliche verschiedener Altersstufen schrieben eifrig in die vor ihnen aufgeschlagenen Hefte. Nina Jörgensen stellte uns vor und erzählte erst einmal die Geschichte der Klobude, deren Bau sie erst kürzlich beim Landeigner durchgesetzt hatte. Vorher hätten die Kinder und Lehrkräfte ein Zuckerrohrfeld für ihre Notdurft genutzt und es sei zu gefährlichen Zwischenfällen mit giftigen Schlangen gekommen. Sie sei froh, dass der Eigner der Hacienda die Buden der Schule für die Kinder seiner Landarbeiter überhaupt auf seinem Land dulde und ist stolz auf ihren Verhandlungserfolg zur Verbesserung der Schulhygiene. Wir gingen ein paar hundert Meter weiter in das Gehölz am Rande der Hacienda und besuchten Eltern der Kinder, die in wahrhaft armseeligen Hütten darauf warten, dass sie zur Ernte als Kaffeepflücker oder Zuckerohrschneider wieder einmal einige Quetzal verdienen können.
Die strahlenden, munteren und sauber gekleideten Kinder und Jugendlichen bildeten einen hoffnungsvollen Kontrast zur erdbraunen, rostigen Armseligkeit ihrer elterlichen Behausungen. Als ich mit einem Landarbeiter sprach, bemerkte ich, dass ihm an seiner linken Hand zwei Finger fehlen: "Beim Zuckerrohrschneiden passiert", sagte er und lächelte verlegen.
Dann ging es weiter im gepanzerten Geländewagen zur nächsten Schule. Sie liegt in einem Dorf mit vielleicht 3000 Einwohnern. Nina Jörgensen erzählte stolz, dass ihrer Organisation das Schulgrundstück gehört und dass sie froh sei hier keinen Ärger mit Großgrundbesitzern zu haben. Es erwarteten uns vier Schulklassen in offenen aber gut wettergeschützten und mit Schulmöbeln ausgestatteten Hütten, deren massive Wände bunt gestrichen waren. Stolz wurde den Besuchern vorgesungen, vorgetragen und gezeigt, was die Schüler aller Altersklassen schon gelernt hatten. Wir waren begeistert, nahmen bunte Zeichnungen der Kinder als Geschenke entgegen und revanchierten uns unter anderem mit einem Federball, der mit Händen und Füßen in der Luft gehalten werden muss und großen Anklang fand. Beschwerlich war der weitere schlammige und durch mehrere schwierige Flussüberquerungen nicht immer befahrbare Weg nach San Andres Osuna. Während der Fahrt durch den Dschungel hielten wir kurz in der Gesundheitsstation, die Nina Jörgensen in ihrem Haus betreibt. Sie beschäftigt dort erfahrene Pflegekräfte und ältere Dorfbewohner, die sich so nützlich machen können. Ärzte sind zu regelmäßigen Sprechstunden dort zu Gast und immer wieder erhält sie Unterstützung durch ehrenamtliche ärztliche Kräfte aus Deutschland, Skandinavien und anderen Ländern. Dann war es soweit: Wir erreichten San Andres Osuna und vor uns im tropischen Wolkenbruch erschien eine bunte Menschenmenge aus Kindern und deren Eltern, die sich farbig geschmückt, Girlanden angebracht und ein Empfangsfeuerwerk für uns vorbereitet hatten. Der Gewitterdonner war dann heftiger als die Böller und Knallfrösche. Es blitzte gefährlich nah und Sturzbäche wuschen den trotzdem fröhlich mit uns zur neuen Schule eilenden Kindern die Farben von der Haut. Die Ansprachen der dörflichen Vertreter und Akteure fielen ebenso kurz aus wie unsere und gingen zu großen Teilen im Gewitterdonner unter. Doch unter dem von Regentropfen dröhnenden Blechdach der neuen Schule gab es Kuchen und einen wärmenden Pott erstklassigen guatemaltekischen Kaffees. Alle Beteiligten fanden diese aufregende Einweihung der neuen Schule großartig und wir versprachen zum Abschied weitere Unterstützung aus Deutschland für dieses mutige und frische Alphabetisierungsprojekt im Urwald Guatemalas. Vamos Adelante!
Dr. Wolfgang Wodarg







