Das Sozialforum Kappeln hilft, wo staatliche Hilfen nicht ausreichen
27.07.2009: Die Sommerpause des Bundestages nutzt der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Wolfgang Wodarg auch in diesem Jahr wieder für Praktika und Besuche im Norden. Nach der Flensburger Bahnhofsmission, dem Schlei-Klinikum Schleswig und der Firma "Lebendiges Land", kam jetzt das Sozialforum in Kappeln dran. „ Mir macht es Spaß, einfach dabei zu sein und mitzuarbeiten“, meint Wodarg, „dabei lernt man am meisten!“
| Das Sozial-Forum hilft, wo staatliche Hilfen nicht ausreichen |
Am Anfag kam es zur Frage: Was ist der Unterschied zwischen Sozialzentrum Kappeln und Sozial-Forum Kappeln? Das Sozialzentrum ist eine Einrichtung des Kreises Schleswig-Flensburg und bündelt die behördlichen Funktionen für Empfänger von Leistungen nach SGB II, SGB III, SGB XII sowie weiteren Sozialleistungen für den Raum um Kappeln. Dort erhalten Menschen finanzielle Hilfen und –wenn möglich- Arbeitsvermittlung, Schulungsmaßnahmen, Wohngeld und mehr.
Was macht denn das Sozial-Forum? Im Teamgespräch mit den erfahrenen Sozialarbeitern des Forums erfährt Dr. Wolfgang Wodarg, dass häufig Menschen, die ihre Ansprüche gegenüber ihrem Staat nicht kennen, oder meinen, dass ihnen Unrecht geschehe, Angst haben, sich durch hartnäckiges Nachfragen dort unbeliebt zu machen. „Die kommen dann zu uns und wir klären sie über Ihre Rechte auf, erläutern ihnen, weshalb der Mitarbeiter im Sozialzentrum gar nicht anders kann, als die Gesetze bei allen gleichermaßen anzuwenden, und helfen auch bei Problemen zu Hause – zum Beispiel als erfahrene Schuldnerberaterinnen“, erläutert Charlotte Klauder die vielfältigen Tätigkeiten der SozialarbeiterInnen des Kappelner Sozial-Forums und betont dabei die gute Zusammenarbeit in der Region. Auch Schwangerschaftskonfliktberatung, Jugend- und Familienhilfe gehört zum Aufgabenfeld des Vereins, letztere beschäftigt alleine 16 MitarbeiterInnen.
Weiterhin hat sich das Forum erfolgreich um EU-Projekte beworben und bietet in diesem Rahmen Hilfen für Migranten und Kappelner Neubürger sowie fürbanchteiligte Jugendliche an.
Nach einem Rundgang durch das Haus, welches sehr verkehrsgünstig direkt am ZOB gelegen ist, und nach Erkundungsgesprächen mit den gut ausgebildeten Fachkräften aus der Prinzenstrasse 42a fährt Heinz Klauder mit dem prominenten Praktikanten über die Schleibrücke nach Ellenberg.
Hier im sozialen Brennpunkt Ellenberg gibt es ein weiteres Haus des Sozial-Forums. Dort arbeiten Heike Wilhelmsen und Ute Bergfeld gerade in der Küche und ein kleines Mädchen spritzt im hübsch angelegten Garten sich und die Blumenbeete mit einer Gartendusche nass. „ Was geschieht hier?“ fragt der Bundestagsabgeordnete und schaut sich nach einer kurzen Begrüßungsrunde genauer um. „Das werden Sie gleich erleben“, meint Ute Bergfeld, während das nasse Kind sich an sie kuschelt.
Und das stimmte: In der nächsten halben Stunde trudelten nach und nach die hier betreuten Schulkinder ein. Beim Warten auf die letzten drei Schüler hilft Praktikant Wodarg beim Gemüseschneiden in der Küche, baut als überzeugter Pazifist in der Werkstatt mit einem Jungen eine Holzpistole und muss erschrocken feststellen, dass auch die zwei Jungen in der Dachwohnung aus Legosteinen Maschinengewehre herstellen.
Gewalt, Hyperaktivität, schnell wechselnde Aufmerksamkeit, Kontaktprobleme und Scheu, die aus schmerzhaften Erfahrungen und psychischen Verletzungen in den wenigen Jahren ihrer Kindheit herrühren mag, das sind zum Beispiel Hintergründe dieser Kinder, die auffällig wurden und die jemanden brauchen, der mehr Zeit für sie hat. Heike Wilhelmsen und Ute Bergfeld haben das volle Vertrauen der Kinder, ja, es sieht so aus, als würden sie sogar geliebt. Jedenfalls fühlen sich die Kinder jetzt, nach dem anstrengenden Schulvormittag so richtig wohl in ihrer Ellenberger Gemeinschaft. Die Kinder seien von ihren Lehrern in vielen Fällen als „untragbar“ für die Klasse eingestuft worden, vielen von ihnen wurden Psychopharmaka verordnet und viele sind wegen ihres oft nur vorübergehend auffälligen Verhaltens in ärztlicher Behandlung. Das ist schwierig, aufwendig und hilft auch meistens nicht, die Ursachen der Verhaltensprobleme wirklich anzugehen.
„Schulstörer“ ist ein böses Etikett! Das tragen einige der Kinder, mit denen der Abgeordnete jetzt eine selbstgemachte Pizza verspeist, seit Jahren auf der Stirn. „Wenn jemand irgendwo stört, dann hat das immer mindestens zwei Seiten, und der, der sich als Störer titulieren lassen muss, ist meistens der Schwächere ", sagt der Sozialdemokrat Wodarg. Die beiden Pädagoginnen wissen: Eine Schule, die sich wegen knapper Zeitpläne, zu wenig Lehrkräften, fehlender Möglichkeiten individueller Betreuung der einzelnen Schüler und mangelnder Einbeziehung des familiären Umfeldes auf die Vermittlung von vorgegebenen Lehrplänen beschränken muss, wird nun mal zum Härtetest für Schulpflichtige.
Und wer durchfällt, muss zum Psychiater oder findet –wenn sie oder er Glück hat - liebe Menschen, welche versuchen, das zu kompensieren, was unser Bildungswesen fallen lässt. Psychiater, Sozialarbeiter, Aufbauwerke, Rehabilitationsmaßnahmen, Sonderbildungsstätten, Testverfahren, Eingliederungskurse – die Maßnahmenkarriere jener Jugendlichen, die in der Schule nicht „funktionieren“ macht unruhig und sollte Anlass sein, zu fragen, ob das in anderen Ländern auch so ist.
Die Zahl der für das Berufsleben „untauglichen“ Schulabgänger sei in Deutschland weitaus größer als bei unseren Nachbarn in Europa und führe zu einer nicht hinnehmbaren Schwächung unserer ganzen Gesellschaft. Wenig Hochschulabsolventen, zu viel arbeitslose Jugendliche, das seien die Warnzeichen eines defizitären Bildungswesens, meint Dr. Wodarg.
„Wir müssten die Kinder bereits in der Schule auffangen und stärken. Wir brauchen –wie Frankreich oder Skandinavien- viel mehr Ganztagsangebote, einen entspannteren Schulalltag, mehr Zeit und mehr Lehrer für die Kinder. Auch die Sozialarbeit sollte integrales Angebot schon in der Schule sein. Denn wenn wir die Renten sichern wollen, dann müssen wir mehr für die Bildung unserer Kinder tun!“, mahnt Wodarg, der sich darüber ärgert, dass die Bundesländer und ihre Kultusministerkonferenz nicht über den eigenen Schatten springen können. „Der Bund will in Bildung investieren, darf aber nur die Schulfenster isolieren und die Dächer gegen Kälte dämmen“, kritisiert er die fehlende konzertierte Aktion für bessere Bildung in Deutschland.
Im Essraum hängen Bilder der Kinder, auf welchen die gute Seite und die schlechte Seite des Lebens dargestellt sind. Ein Bild zeigt zwei Kämpfende. „Der hat eine Atombombe!“, erklärt der kleine Künstler respektheischend. „Die Atombombe sehe ich nicht, ich sehe nur, der Junge hat Talent“, sagt Wodarg. Nach Rücksprache mit den Pädagogen kauft der Abgeordnete dem Jungen das Bild für 5 Euro ab. Der ist erst fassungslos und hüpft dann vor Glück durch den ganzen Garten und strahlt wie ein Honigkuchenschaukelpferd.
Der kleine Pistolenbauer betrachtet sein Werk nachdenklich und Wodarg gibt ihm einen Euro für seine Holzpistole: „ Wenn Du etwas Friedliches bauen würdest, könntest Du dafür mehr kriegen“, versucht er ihn zu locken. „Abrüstung tut Not“, lächelt der Abgeordnete. Der kleine Maler und auch andere Kinder wollen jetzt ganz viel malen und Wodarg verabredet mit den Kindern und ihren Betreuern eine Versteigerung zu veranstalten, wenn sie genügend Bilder gemalt hätten.
„Es ist schön, dass Kinder merken, dass ihre Arbeit etwas wert ist“, sagt Heinz Klauder.
Wodarg bedankt sich: „Die Arbeit des Sozial-Forums ist segensreich und notwendig, und ich hoffe, dass Ihre Sozialarbeit bald noch früher ansetzen kann und schon in den Schulen dafür sorgen kann, dass alle Kinder dort mehr zu ihrem Recht kommen.“





