Fischereipraktikum auf der Schlei

17.08.2009: Dr. Wolfgang Wodarg begleitete am vergangenen Freitag früh ab 4 Uhr den Holmer Fischer Joern Ross bei seiner Arbeit. Im Rahmen dieses Praktikums hat er sich auch über Auswirkungen der Fischereipolitik informiert. Anschließend ab 9 Uhr hat er den Fang am Stadthafen verkaufen geholfen und mit weiteren Fischern gesprochen.

Bald muss er wieder Erststimmen fischen

Es war eine kurze Nacht. Nach einer Diskussionsveranstaltung in Neumünster war ich erst spät nach Mitternacht wieder in Flensburg angekommen. Nach einem Mitternachtsschläfchen von etwa 90 Minuten ging es schon wieder los.

Auch mein studentischer Mitarbeiter Johannes hatte offenbar noch nicht ausgeschlafen als ich ihn -auf eigenen Wunsch- wach klingelte, damit er dabei sein konnte, bei meinem Fischerei-Praktikum auf der Schlei.

Die Fischereibetriebe auf dem Holm in Schleswig sind traditionelle Familienbetriebe und nutzen ihre Fischereirechte, indem sie mit ihren kleinen offenen Booten in die Winkel der Schlei fahren, Netze, Reusen und andere Fanggeräte aufstellen oder auch gemeinsam die traditionelle Wadenfischerei betreiben, bei der die Netze parallel zum Strand ausgebreitet und dann an beiden Enden gleichzeitig von Hand und vom Strand aus eingeholt werden.

Wir waren pünktlich um vier Uhr am Süderholm und trafen dort noch Jan Thorben, meinen Praktikanten, der auch früh hoch war, um dieses Abenteuer nicht zu versäumen.

Nach einer viertel Stunde Warten im Dunklen, in der wir nacheinander den Zeitungsboten und den Bäcker beim Ausliefern begrüssen konnten, entschlossen wir uns zu klingeln, denn dort im Haus des Fischers Jörn Ross war noch alles dunkel und wir sollten schon seit einer halben Stunde auf dem Wasser sein.

Der Fischer hatte einen anstrengenden Abend hinter sich, entschuldigte sich für das etwas verzögerte Erscheinen, war aber trotzdem fix in den Stiefeln und schmiss den Diesel an, um mit uns bei Morgengrauen auf die glatt und dunkelsilberne Schlei hinauszutuckern.

Wir sahen den hohen, schlanken Turm des Schleswiger Doms immer kleiner und spitzer werden und pflügten durch das ruhige Wasser Richtung Nordost. Dort näherten wir uns langsam dem flachen Ufer und Jörn Ross wies auf seinen Fish-Finder, eine Art Ultraschallgerät für den Bauch des Meeres, mit dem er nicht nur die Tiefe des Wassers sondern auch die Beschaffenheit des Untergrundes ("Schlamm") und sogar die zwischen uns und dem Grund befindlichen Wasserbewohner erkennen konnte.

"Die Blauen sind Quallen und die roten dort sind kleine Barsche oder Alander," meinte Jörn Ross, als er mit dem Finger auf winzige bunte Punkte auf seinen Bildschirm deutete. Dieser war in einer kleinen Alu-Kiste auf dem Motorkasten geschützt vor Wind und Wetter montiert und zeigte während der ganzen Fahrt alles, was der Fischer wissen musste. Der wusste aber auch ohne Elektronik wie tief es war und an welcher Stelle welche Fische sich zu welcher Zeit aufhielten. "Wenn man schon seit früher Kindheit jeden Tag hier auf der Schlei umherfährt, um zu fischen, dann kennt man jeden Winkel besser als seine Hosentasche", meinte Jörn Ross lächelnd und stoppte den Motor, während er gleichzeitig eine Boje zu fassen kriegte, an der ein Seil befestigt war, mit dem er die erste Reuse heranziehen konnte, um deren Inhalt ins Boot zu entleeren.

Als er das mannsschwere Reusenende über den Süllrand hievte, erinnerte mich das an die Kappelner Heringswette. In Kappeln wird alljährlich zu Himmelfahrt derjenige zum Kappelner Heringskönig gekrönt, der am genauesten das Gewicht eines ähnlichen Netzinhaltes in Pfund errät. Hundert und dreißig Pfund waren es kürzlich gewesen.

Die silberne Fracht wimmelte und zappelte jetzt an Deck und Jörn Ross hatte im Nu jene Fische, die noch zu jung und klein waren wieder in die Freiheit entlassen. Untermaßige Fische wollte er nicht mitnehmen. "Wir arbeiten sehr ökologisch und schonend schon aus eigenem Interesse," erklärte er, "wenn wir auch im nächsten Jahr noch vom Fischen leben wollen, dürfen wir doch nicht den Nachwuchs abfischen."

Die großen Fangflotten tun das trotzdem und liefern den "Beifang" an die Fischmehlfabriken, um daraus Fischfutter für Aquakulturen herstellen zu lassen. "Das ist das Gegenteil von nachhaltiger Fischwirtschaft!" waren wir uns einig.

Butt, Aland, Barsche und ein Hecht hatten sich in den trichterförmigen Netzen der Reuse verirrt und kamen jetzt in die mit Schleiwasser gefüllte Fischkiste, die vor dem Motor die Mitte des Bootes füllte.

Wir tuckerten weiter durch flache und enge Fahrwasser, welche das Ultraschallgerät veranlassten, sehr kurvige Streifen zu malen. Dann entleerten wir ein Butt-Netz in der Nähe eines mit Schilf bewachsenen Ufers, saßen kurz auf Schiet und mussten uns abstossen und nahmen wieder Fahrt auf Richtung Haddebyer Noor.

Als wir durch den Tunnel fuhren sollten wir laut „Hallo“ rufen, “Wegen des schönen Echo’s!“ meinte Joern Ross und kurvte messerscharf am Ufer entlang, weil in der Mitte des Kanals ein Holzhindernis die schmale Schilfstrasse zwischen Schlei und Noor versperrte. Wir waren unter der Bundesstrasse hindurch gefahren und sahen jetzt das bleifarbene Dach des Wikingermuseums und die restaurierten Bauten der alten Wikingerhauptstadt Haitabu an Steuerbord.

Nach einigen hundert Metern stoppten wir den Motor und hielten wieder eine Boje in der Hand um das daran befestigte Netz aus dem Wasser zu ziehen. Wie das zappelte! Es war schon zu spüren, das dort ein fetter Fang unter Wasser auf uns wartete.

Fünfundzwanzig fette Brassen mit einem Gewicht zwischen vier und sechs Kilo! Das ist kein Anglerlatein und ich zückte mein Handy um diese Pracht bildlich zu dokumentieren. Meine Spiegelreflexkamera hatte ich zwar mitgenommen, deren Batterie jedoch im Ladegerät während meines allzu frühen Aufbruchs zu Haus vergessen. Nun ja, Hauptsache, wir können diese dicke fette Beute beweisen, denn es ist sonst kaum zu glauben welch riesige Fische in der so stillen Schlei heranwachsen.

Beim Sonnenaufgang wird die erste Reuse geleert

Die leere Reuse wird wieder fest verankert

Der Aland ist ein sehr kämpferischer Fisch und hat hier das Netz ziemlich verheddert.

Fischer Jörn Ross mit einem Brassen von ca. 5kg

Später sah ich auch noch armdicke, meterlange Aale, welche die Söhne von Fischer Ross schon während der vergangenen Nacht aus den Reusen geholt hatten. Das war sehr beeindruckend – und glitschig anzufassen, wenn diese sich aus der Maurerbalge herauswanden um Köpfung und Häutung zu entkommen. Ich kriegte die aalglatten Biester einfach nicht zu fassen und staunte, als Joern Ross sie sicher mit einem speziellen Drei-Finger-Griff packte, um sie ihrem Schicksal in der Bratpfanne näher zu bringen.

Aus dem Haddebyer Noor fuhren wir mit Volldampf zurück zum Holm. Hier wartete schon Frau Ross mit einer Thermoskanne gutem Kaffee und einem Teller voller leckerer Käse- und Schinkenbrötchen. „Kein Fisch, denn den woll’n wir ja verkaufen!“ kommentierte Joern Ross das willkommene Pausenbrot.

Wir sprachen während der Fahrt und auch zwischendurch immer wieder von den Veränderungen, die das Brackwasser Schlei in den letzten Jahrzehnten erlebt hatte. Der Fischer kannte jede Ecke und er regte sich sehr darüber auf, das niemand sich für seine genauen täglichen Beobachtungen in all den Jahren und zu jeder Jahreszeit interessierte.

„Wenn das nicht einer sagt, der studiert hat, dann zählt das nicht,“ meinte er verärgert und ich fand, er hat mit seinem Hinweis Recht, dass man Naturveränderungen nicht aus Büchern entnehmen kann, sondern diese vor Ort beobachten und registrieren muss.

Als wir an einem Naturschutzgebiet vorbeikamen, zeigte er auf eine große Herde langmähniger Zottelkühe, die friedlich grasend das Ufer der Schlei bevölkerten. „Da war vor fünf Jahren noch ein dichter Schilf-Gürtel,“ erinnerte er sich „und den haben diese Viecher ratzekahl weggefressen und zertrampelt. Seither ist die Schlei an dieser Stelle fünfzig Meter breiter und das Naturschutzgebiet entsprechen schmaler geworden.

Dann wies er auf eine Sandbank, die es vor fünf Jahren noch nicht gegeben hatte und auf der sich der von den Weiden abgebrochene Sand abgelagert hatte. „Was die Naturschützer dort machen ist brutale Massentierhaltung!“ schimpfte er. „Das sind alles neunmalkluge pensionierte Studienräte, die meinen, sie verstünden etwas von der Natur.“

Er berichtete, dass die Vogelwelt auch im Gebiet von Oehe, an der Schleimündung, früher sehr viel artenreicher gewesen sei, obwohl man damals im jetzigen Naturreservat im Angesicht der Wasservögelpracht baden durfte. Seit die Naturschützer das Betretungsmonopol haben, gibt es dort nur noch Silbermöwen und die Lachmöwen haben nichts mehr zu lachen,“ meinte er sarkastisch.

Die Vielfalt seiner Informationen und die Genauigkeit seiner jahrelangen Beobachtung machten mich nachdenklich: Wie können wir es schaffen, dieses Wissen zum Tragen zu bringen und mit dem theoretischen Ansatz mancher Biologen zu integrieren? Weshalb laden wir solche erfahrenen Kenner regionaler Biosysteme nicht ein, wenn es gilt ein Konzept zu erstellen, mit dem wir die Bedürfnisse von Mensch und übriger Natur nachhaltig harmonisieren wollen? Das möchte ich ändern!

Während der Fahrt griff Joern Ross immer wieder zum Handy und gab eineige kurze Informationen durch. "Nach Cuxhafen," erklärte er, "ich habe doch kein Fax an Bord", lachte er dann und erläuterte seinem staunenden Abgeordneten die auf Grund seiner Gesetze blühende Bürokratie des europäischen Fischereiwesens.

Ich habe nicht mehr alles in Erinnerung, was und wie oft ein Fischer sich registrieren lassen muss: die Abfahrt und Rückkehr, das Fahrtgebiet, die Zahl der Netze und Reusen, die Fangmengen nach Fischart etc. etc... Das erschien mir alles sehr gespenstisch und ich ließ mir dann noch über die Fangquoten berichten, die für jeden Fischer nach östlicher und westlicher Ostsee getrennt ausgewiesen werden.

"Wenn ich die Quoten nicht ausschöpfe, habe ich im nächsten Jahr kleinere," meite Jörn Ross und erläuterte mir, dass er Mitglied einer Fischereigenossenschaft sei, die in den letzten Jahren durch Fusionen allerdings immer größere Räume abdecke und deren Zentrale jetzt in Heiligenhafen ihren Sitz habe.Nach welchen Kriterien die Genossenschaft die Quoten verteile, sei ihm auch nicht gabz klar, klang auch hier mit einem gewissen Sakasmus. Er verwies mich für weitere Informationen zu diesem Thema an seinen Kollegen, den ich nachher im Hafen treffen würde.

Wir waren in das mit Fischen gefüllte Boot gestiegen und gemeinsam mit den jäh aus verdientem Schlaf gerissenen zwei Söhnen der Familie Ross hinübergefahren an den Schleswiger Hafen, um dort die Fische aus den insgesamt drei Booten zu vermarkten.

Direktvermarktung am Schleswiger Hafen lohnt sich vor allem im Sommer

Taschenkrebse sind Beifang, der auch seine Abnehmer findet.

Am Kai wartete schon eine lange Schlange von Kunden und als wir ankamen strömten aus einem Touristenbus weitere Scharen von Neugierigen an die Pier. „Die Kunden nach rechts und die Zuschauer nach links!“ rief Frau Ross, die inzwischen mit einer Waage und einer Kassierertasche um den Hals an Land geklettert war.

Wir füllten die Fischkisten nach und nach mit Butt, Dorschen, Lachsen aus den Vorratstanks in der Schlei und Barschen aus den Booten der Söhne und fingen an, die Fische entsprechend den Wünschen der anspruchsvollen Kundschaft zuzubereiten.

„Bitte Kopf dranlassen, abschuppen und ausnehmen!“ rief eine Kundin, die offenbar häufiger dort kaufte und ganz genau wusste, was sie wollte.

„Dort sind die Russen,“ gab Joern Ross mit einer Geste seines Kopfes zu wissen, „das sind die einzigen, die mit unseren schönen Brassen noch etwas anzufangen wissen. Unsere Leute hier mögen keine Brassen, weil sie mit deren Gräten nicht klarkommen. Dabei haben die Brassen einen wunderbaren Geschmack,“ erklärte er und meinte noch, dass ihm auch die Barsche sehr gut schmeckten. „Dagegen schmeckt Dorsch wie ein Schluck Wasser,“ geringschätzte der Fachmann und verzog verächtlich den Mund.

Die dicken Aale kosteten dreißig bis vierzig Euro das Stück und sie waren sehr lebendig, bis ihnen der Kopf nur soweit abgeschnitten wurde, dass er als Griff dienen konnte, um die silbrig-feste Haut wie einen engen Strumpf besser vom sich noch windenden Rumpf abziehen zu können. Nur am Nabel noch ein kleiner Befreiungsschnitt, und der armdicke Fleischstrang, der zum Braten in Scheiben von höchstens zwei Zentimeter Dicke geschnitten werden sollte, wurde fertig und pfannengerecht in eine Plastiktüte versenkt.

Die Schuppen der riesigen Brassen waren silbrig und groß wie Eurostücke. Man hieb dem noch um sein Leben kämpfenden Fisch, den man vorher aus dem mittig im Boot befindlichen Fischtank gegriffen hatte, mit einem Totschläger auf den Schädel und hielt den dann sofort Erschlafften an den Kiemen fest, um mit einem gezahnten Kratzer die silbrige Pracht abzulösen.

„Der Bauch muss auch entschuppt werden!“ korrigierte mich der Meister und ich schrubbte und schuppte, währen sich oben einige Schleswiger darüber Gedanken zu machen schienen, ob „der da unten mit den blutigen Fingern“ wohl tatsächlich ihr Bundestagsabgeordneter sein könnte. Er war es und ich grüßte freundlich, aber etwas gequält lächelnd mit meinem Entschupper und blutiger Hand nach oben in die Wählerschar.

Einen Brassen entschuppen und ausnehmen ist für Abgeordnete eine neue Herausforderung

Nun ja, ich will das so! Ich will wissen, wie das ist als Fischer, als Kassierer an der Supermarktkasse, als Müllwerker, Automechaniker, Landhelfer, Werftarbeiter oder Bahnhofsmissionar. Nie lerne ich so viel und so gern wie bei solchen Erkundungspraktika und ich danke allen, die mir diese Erfahrungen ermöglichen.

Hoffentlich erwarten sie nicht zu viel von mir, dachte ich als ich mich von der Failie Ross verabschiedete. Ich bin ja nur einer von über sechshundert Abgeordneten. Aber ich fühle mich motiviert und verpflichtet all den Menschen gerecht zu werden, die so viel Vertrauen in ihren Politiker setzen. Mal sehn, ob’s klappt.

Von vorn nach hinten: Johannes, Jan-Thorben, Joern Ross und der Schleswiger Dom

Bald muss er wieder Erststimmen fischen.


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