Leserbrief zum shz-Artikel: "Billig-Pillen" für AOK-Versicherte

12.05.2009: Hier mein Leserbrief, der auf den Wahnsinn von Tausenden unterschiedlicher Verträge zwischen Kassen und Pharmaindustrie und auf das Chaos unseres Gesundheitswesens eingeht.

Leserbrief von Dr. Wolfgang Wodarg, MdB

Zum Artikel vom 11.Mai 2009, Flensburger Tageblatt, Seite 16 mit dem Titel:

"Billig-Pillen für AOK-Versicherte"

Wenn jedes Mal bei einem neuen Rabattvertrag die Korken knallen, dann kann ich jetzt auch verstehen, weshalb dieser Blödsinn so weiterläuft. Man muss schon betrunken sein, um das gut zu finden, was der perverse Wettbewerb der Krankenkassen in Deutschland anrichtet. Die Verwalter der Versichertenbeiträge verhalten sich wie dynamische Unternehmer, denken betriebswirtschaftlich und freuen sich, wenn die Konkurrenz Pleite geht und sie wieder einmal einen chronisch Kranken vergrault haben, für den sie beim "morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich" nicht genügend Geld aus dem Fond erstattet bekommen.

Und dabei kann man ihnen noch nicht einmal einen Vorwurf machen, denn sie nutzen nur ihren gesetzlichen Spielraum.

Über dreihunderttausend Rabattverträge für Arzneimittel haben die ca. 200 Kassen mit den Pharmaherstellern ausgehandelt, um günstiger als die Konkurrenz einzukaufen. Dabei sollen sie doch eigentlich alle das gleiche tun und dürften sogar durch gemeinsamen Einkauf die Preise drücken. Die Einkäufer im Wettbewerb und die Pharmamonopole am längeren Hebel - so ist es denn auch klar, dass trotz aller Gesundheitsreformen, die Kosten für Arzneimittel kontinuierlich steigen.
Einige Hausärzteverbände im Süden Deutschlands nutzen auch schon ihre Monopolmacht und spielen die Kassen gegeneinander aus, um höhere Honorare zu erpressen.

In Skandinavien schüttelt man den Kopf über unser Versicherungschaos, drückt die Arzneimittelpreise durch zentralen Einkauf nach unten und zahlt Ärzten und Pflegekräften so gute Honorare, dass unsere Fachkräfte nach Norden auswandern. Eine Positivliste, bei der die Ärzte mitreden dürfen, ist dafür dort selbstverständlich.

Wir brauchen nur eine (!) Krankenkasse pro Bundesland, welche die gemeinsamen Versicherteninteressen stark vertritt, die endlich eine (!) Verantwortung für die Versorgungsstrukturen im Lande trägt und wir sollten den Wettbewerb dort lassen, wo er hingehört: bei den Anbietern von Produkten und Dienstleistungen.

Dr. med. Wolfgang Wodarg

(Sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter, der aus oben genannten Gründen gegen das Wettbewerbsstärkungsgesetz der großen Koalition gestimmt hat)

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