Tabu-Bruch
21.05.2008: Mein Gastbeitrag im schleswig-holsteinischen Zeitungsverlag, erschienen heute, am 21.Mai 2009 auf der Seite 2.
In Großbritannien ist ein Mensch in seinen ersten 14 Tagen noch kein Mensch - er darf wie eine Sache, wie ein Tier benutzt werden. Während in Deutschland die Würde des Menschen weder zu Beginn noch am Ende seines Lebens angetastet werden darf, entscheiden die Briten hier pragmatischer. Jetzt wollen sie Embryonen als Mittel zur Behandlung von Kranken gentechnisch verändern dürfen. Wie fühlt sich wohl ein junger Mensch, der erfährt, dass es ihn nur gibt, weil er als Ersatzteillager für sein krankes Geschwisterkind im Labor geformt oder selektiert wurde?
Auch die Mischung von Teilen menschlicher und tierischer Embryonen soll zur Erforschung neuer Therapien in Großbritannien erlaubt werden. Die Zellen der Chimären hofft man in Stammzellkulturen zu Rohstoffen für neue Medikamente zu züchten.
Jahrtausende alte Tabus werden gebrochen: Klonen als extremste Form des Inzests? Mischwesen aus Mensch und Tier als "Sodomie im Labor"? Welche Berechtigung haben gesellschaftliche Tabus noch, wenn sie in Labors umgangen werden?
Das deutsche Parlament hat sich bisher vorbildlich mit diesen schwierigen ethischen Fragen auseinander gesetzt und oft kluge Regelungen, wie das Embryonenschutzgesetz geschaffen. Die kürzlich beschlossene Aufweichung des Stammzellgesetzes und die Verlagerung der nötigen Expertise aus dem Parlament in exklusive Expertenkommissionen lassen befürchten, dass Verletzungen der Menschenwürde immer weniger erkannt werden.
Mensch-Tier-Mischwesen bergen nicht nur die Gefahr von Tieren stammender neuer Seuchen (BSE und Aids sollten gerade den Briten eine Lehre sein). Die zunehmende Vernutzung menschlicher Zellen, Embryonen, Gewebe und Organe, ein wachsender Ersatzteilmarkt, die Patentierung von Genen, Pflanzen, Tieren und Menschenteilen relativieren gesellschaftliche Erfahrungen und Wertsysteme. Wir sollten uns mehr Zeit nehmen zu spüren, was das für das für unser Zusammenleben bedeutet.
- Dr. Wolfgang Wodarg ist Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Gesundheitsausschusses in der parlamentarischen Versammlung des Europarates. Der Flensburger war zudem Sprecher der SPD in der Enquetekommission "Ethik und Recht der modernen Medizin".





