Weshalb nach Norwegen, es ginge doch auch bei uns!

25.08.2008: Die hausärztliche Versorgung auf dem Lande ist nicht nur in den neuen Bundesländern stark gefährdet. In den nächsten fünf Jahren werden über 41000 Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen und schon jetzt sind etwa 16000 Ärztinnen und Ärzte im Ausland tätig. Viele scheuen die Arbeitsbedingungen in deutschen Praxen und Kliniken und ziehen Jobs als Berater oder Gutachter in Wirtschaft, Verbänden oder Behörden vor. Hier die Stellungnahme von Dr. Wolfgang Wodarg, MdB, erschienen in der Zeitung Der Allgemeinarzt.

NACHHALTIGE SICHERUNG DER ÄRZTLICHEN VERSORGUNG IM LÄNDLICHEN RAUM

Dr. Wolfgang Wodarg, MdB (SPD)

Die hausärztliche Versorgung auf dem Lande ist nicht nur in den neuen Bundesländern stark gefährdet. In den nächsten fünf Jahren werden über 41000 Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen und schon jetzt sind etwa 16000 Ärztinnen und Ärzte im Ausland tätig. Viele scheuen die Arbeitsbedingungen in deutschen Praxen und Kliniken und ziehen Jobs als Berater oder Gutachter in Wirtschaft, Verbänden oder Behörden vor.

Gleichzeitig sehen wir, wie große Konzerne und Anleger das deutsche GKV-System als einen der „größten zu liberalisierenden Märkte“ ins Auge gefasst haben und wie sich ein Gesundheitsmarkt entwickelt, der mit möglichst wenig Personal möglichst viel Rendite für die Aktionäre machen muss. „Wenn wir unseren Geldgebern keine zweistelligen Renditen sichern, legen sie ihr Geld woanders an“, eröffnete mir kürzlich der Geschäftsführer einer großen Krankenhauskette.

„Mehr Hilfskräfte weniger Fachkräfte“ ist die Maxime. Betriebswirte dominieren, die Softwareindustrie boomt. Personal, welches am Patienten arbeitet, wird eingespart. Dokumentation für den Patienten ist sicher notwendig, aber der hohe, in Klinik und Praxis belastende administrative Mißtrauensaufwand ist eine der abschreckenden Nebenwirkungen des Gesundheitsmarktes.

Gesundheitspflege war bis vor kurzem unstrittig ein wesentlicher Bereich öffentlicher Daseinsvorsorge und die herausgehobene Rolle von „Medizinmännern und –frauen“ in fast allen Gesellschaften beruhte auf der treuhänderischen Funktion der sorgenden, pflegenden und heilenden Zunft. Wenn deren Akteure jedoch nicht mehr im öffentlichen Interesse handeln sondern als Beschäftigte von Kapitalgesellschaften vor allem die Interessen der Investoren vertreten müssen, dann wird klar, weshalb es so viele deutsche Ärzte in „staatsdirigistische“ Systeme wie das norwegische, britische, spanische, schwedische oder finnische zieht. Hier beziehen sie ein Gehalt und können sich - ohne schlechtes Gewissen - nur um die Gesundheit ihrer Patienten kümmern.

Geht das in Deutschland nicht auch? Ein klares „Ja“ ist die Antwort. Der Gesetzgeber hat solches sogar längst möglich gemacht: Stellen sie sich vor, eine Region schließt sich zusammen, gründet z.B. eine gemeinnützige GmbH, in der die örtliche Sozialstation, die Gemeinden, die Hausärzte und einige örtliche ehrenamtliche Institutionen jeweils als Gesellschafter ihren Anteil einbringen und schafft ein Gesundheitsnetzwerk, in dem pflegerische, ärztliche, rehabilitative, pharmakologische und nachbarschaftliche Kompetenz gebündelt wird.

Nur in Kliniken kennen wir bislang ähnlich komplexe, kooperative Systeme. Doch warum soll das nicht auch ambulant funktionieren? Gesetzlich möglich ist so etwas zum Beispiel über Strukturverträge oder durch neue Möglichkeiten des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes. Wenn eine solche regionale gGmbH die gesetzlichen Möglichkeiten nutzen würde und – wie für die psychiatrische Versorgung in Teilen Schleswig-Holsteins bereits geschehen - ein regionales Budget mit allen Kassen vereinbart, dann hätten wir noch bessere Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten als in Finnland oder Schweden!

Jeder vermiedene Krankenhausaufenthalt, jede nicht erfolgte Heimunterbringung spart Geld, welches für Prävention, Rehabilitation und gute Gehälter der Beschäftigten genutzt werden könnte. „Gesundheit aus einer Hand“ , das wollen auch die großen Krankenhauskonzerne bieten. Sie kaufen bereits Arztpraxen („Portalpraxen“), organisieren Nachsorge, Rehabilitation und Pflegeheime und versuchen damit eine möglicht optimale Auslastung aller ihrer Einrichtungen zu gewährleisten - müssen sie doch für ihre Kapitalgeber viel Geld verdienen. Das aber können sie nur, wenn sie möglichst viele Kranke behandeln dürfen – ein volkswirtschaftlich und gesundheitspolitisch katastrophaler Mechanismus!

Bevor die Kassen – und das sind letztlich wir Beitragszahler- nur noch zahlen, sollten sie gemeinsam die Initiative ergreifen und regionale, ganzheitliche Versorgungsstrukturen fördern und entwickeln, die im öffentlichen Interesse arbeiten. Das würde auch dem Ansehen und dem Einkommen der dort beschäftigten „Medizinmänner und –frauen“ mittelfristig nützen und es wäre ein wirksamer Beitrag, die ärztliche Versorgung auch auf dem Lande nachhaltig zu sichern.

Auch in Sörup macht man sich Gedanken über die ärztliche Versorgung

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